Die Frage nach der Perspektive

Eine der ersten Fragen, die man sich als (angehender) Autor stellen muss, bevor man überhaupt mit dem Schreiben beginnen kann, ist: Aus welcher Perspektive will ich meine Geschichte erzählen? Und: Eignet sich vielleicht eine Perspektive besonders gut?

Dabei könnte man sich als erstes überlegen, welche Perspektive man gerne liest. Ich lese zum Beispiel gerne Bücher, die aus einer einzigen Perspektive erzählt werden. Es ist egal, ob das in der Ich-Form oder in der Er/Sie-Form geschieht, die Hauptsache ist für mich, dass die Leser ganz genau so viel wissen und nicht wissen wie der Erzähler. Ich will mit dem Erzähler mitfühlen und in sein Innerstes blicken. Ich will verstehen, wieso er so handelt, wie er es tut. Und (noch wichtiger): Ich will mit ihm miträtseln, ich will genauso von neuen Erkenntnissen überrascht werden wie er, ich will geschockt sein und dem Plottwist/Verrat/Schicksalsschlag/Sieg genauso plötzlich und unvorbereitet begegnen wie der Erzähler. Für mich fühlt sich eine Geschichte realistischer und näher an, wenn sie aus einer einzigen Perspektive erzählt wird, denn das echte Leben sehen wir nun einmal auch nur durch unsere Augen und wir sind alles andere als allwissend. Außerdem finde ich, dass diese Perspektive mir als Leser etwas Vertrautes mitgibt, denn egal was passiert, die Augen, durch die ich das Geschehen beobachte, bleiben dieselben.

Doch es gibt einen Trend zu mehreren Perspektiven und gerade wenn es um komplexere und umfassendere Geschichten geht, ist das sicher auch sinnvoll. Ich kann mich durchaus auch mit einem Buch anfreunden, dass regelmäßig die Perspektive wechselt, obwohl sich das manchmal anfühlt, als würde ich als Leser grob aus einem Kopf gerissen und in einen anderen gesteckt werden. Doch solange das regelmäßig geschieht, also zum Beispiel die Perspektive mit jedem Kapitel wechselt, kann ich damit umgehen. Was ich nicht mag, ist, wenn die Perspektiven wild durcheinandergeschmissen werden und keiner logischen Reihenfolge folgen. Auch wenn gegen Ende des Buchs neue Perspektiven eingeführt werden, stört mich das immer extrem. Das ist mir in letzter Zeit gleich zweimal beim Lesen begegnet und zwar bei erfahrenen und extrem erfolgreichen Autoren wie Andreas Brandhorst und Frank Schätzing (wobei es bei letzterem viel weniger wild und ungeordnet vorging). Ich verstehe, dass der Plot manchmal verlangt, am Ende eine andere Figur sehen und/oder sprechen zu lassen, weil diese zum Beispiel etwas erlebt, das niemand anders wissen kann, oder weil diese sich als etwas entpuppt, das weder Protagonist noch Leser erwartet hätten. Aber es verwirrt und nervt mich trotzdem. Nachdem ich hunderte von Seiten damit verbracht habe, eine Handvoll von Protagonisten kennenzulernen und deren Innerstes zu erkunden, nachdem ich mich mit ihnen in einer gewisser Weise angefreundet habe und mit ihnen mitgefiebert habe, kommt nun plötzlich ein Abschnitt oder sogar Kapitel aus der Sicht jemand anderes, inklusive Backstory und inneren Kämpfen. Tut mir leid, aber das interessiert mich einfach nicht. Ich will wissen, wie es dem Protagonisten ergeht, den ich doch mittlerweile glaube gut zu kennen, und nicht, was irgendeine Nebenfigur Schreckliches in ihrer Kindheit erlebt hat. Kurz: Mehrere Perspektiven finde ich okay, solange sie regelmäßig und konsequent durchgezogen werden und nicht erst am Ende eingeführt werden.

Doch als Leser rumzunörgeln ist einfach. Es als Autor umzusetzen ist leider viel schwieriger. Bisher habe ich mich eigentlich immer auf die eine Perspektive beschränkt und dabei meistens in der Ich-Form erzählt. Doch bei meinem neuesten Buchprojekt gibt es zwei Protagonisten, die in jeder erdenklichen Hinsicht gleichwertig sind. Das einzige Sinnvolle ist hier, aus zwei Perspektiven zu erzählen. Das Problem ist nur, dass ich mir damit verdammt schwertue. Denn wenn man ein und dieselbe Geschichte aus der Sicht von zwei Figuren erzählt, die sich womöglich auch noch sehr nahestehen, läuft man schnell Gefahr, dass beide irgendwie gleich klingen. Das ist mir früher schon einmal passiert. Wie soll ich aus zwei Sichtweisen schreiben, wenn ich doch nur ein Mensch bin mit einem Hirn und einer Persönlichkeit? Klar, die Antwort ist: Fantasie. Deshalb ist das der Punkt, an dem ich in nächster Zeit arbeiten will, indem ich genau festlege, wer die beiden Protagonisten sind, was sie erlebt haben, wie sie sich verhalten, woran sie glauben, was sie lieben und hassen. Ich denke, nur wenn man seine Figuren richtig gut kennt, kann man authentisch aus ihrer Sicht berichten, ohne dass alle am Ende doch nur wie verschiedene Versionen von einem selbst klingen.

In letzter Zeit habe ich öfters Bücher gelesen, denen die unterschiedlichen Perspektiven sehr gut gelungen sind, weil sie von mehreren Autoren zusammen geschrieben wurden, wobei, wie ich mir vorstelle, jeder eine Perspektive übernimmt. Das ist natürlich auch ein Weg, ein ziemlich sympathischer, wie ich finde. Doch da meine Geschichte im Moment nur in mir ist und nur mich genug begeistert, um sie aufzuschreiben, muss ich es dann doch alleine und mit einer gehörigen Portion Fantasie versuchen.

An alle Schreiberlinge: Wie geht ihr dabei vor? Schreibt ihr meist aus einer Perspektive oder ändert sich eure Vorliebe je nach Geschichte? Habt ihr schon mal etwas aus mehreren Perspektiven geschrieben? Habt ihr Tipps für mich? Das würde mich sehr freuen!

Und an die Bücherfreunde: Was ist eure liebste Perspektive zum Lesen? Fallen euch Bücher ein, die das mit den mehreren Perspektiven wirklich gut hinbekommen haben? Dann freue ich mich über Empfehlungen!

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Wie erfindet man Menschen?

Ich habe ja bereits ein paar Einblicke in meinen Schreibprozess und Überarbeitungsprozess gegeben, aber heute möchte ich mich mit einer der wichtigste Aspekte eines Buchs beschäftigen: den Figuren. Für mich lebt und stirbt eine Geschichte mit ihren Figuren. Ich will über Figuren lesen, in die ich mich verliebe, die ich bewundere, die mich zum Lachen bringen, mit denen ich mich identifizieren kann, die mich faszinieren und vielleicht sogar ein paar, die ich hassen kann. Und natürlich möchte ich auch über ebensolche Figuren schreiben. Doch das ist gar nicht so einfach.

Bild von Jaqie Limanu , abgebildet ist meine Figur Rebecca

Ich muss zugeben, dass alle Figuren in meinem Roman mehr oder weniger stark auf Leuten beruhen, die ich tatsächlich kenne oder mal gekannt habe. Dadurch habe ich selbst ein ziemlich klares Bild von der entsprechenden Person im Kopf, doch es ist eine ganz andere Sache, diese dann mit nichts als Wörtern zum Leben zu bringen. Hinzu kommt, dass ich ihnen natürlich jede Menge Dinge andichte, die sie von ihren echten Vorlagen unterscheiden. Denn mein Buch soll spannender werden als die Realität, weshalb es Figuren braucht, die interessanter, schillernder, vielleicht auch extremer sind als reale Menschen. Ansonsten könnten wir uns ja einfach in ein Café setzen und den Gästen beim Leben zuschauen.

Manchmal muss ich allerdings erleben, dass Figuren ganz anders bei meinen Lesern (bisher nur meine Kritikpartnerin, die Mitglieder meiner Schreibgruppe und zwei, drei vertrauenswürdige Freunde) ankommen, als ich sie mir ausgedacht habe. So mögen zum Beispiel einige meiner Freunde meine Antagonistin, obwohl diese doch geschaffen wurde, um gehasst zu werden. Andersherum finden manche (inklusive mir selbst, um ehrlich zu sein) meine Protagonistin weniger sympathisch, als mir das lieb wäre. Mittlerweile habe ich mich damit abgefunden. Ich glaube, meine Figuren sind mir einfach so nah, dass ich sie nicht mehr für das sehen kann, was sie wirklich sind. Manchmal bemerkt eben jeder außer einem selbst, dass der beste Freund ein Arschloch ist, denn wir selbst können das nicht sehen, immerhin ist er unser bester Freund. Aber das ist okay. Beste Freunde können (in Maßen) auch mal Arschlöcher sein. Protagonisten können gehasst und Antagonisten geliebt werden. Hauptsache die Figuren rufen irgendwelche Emotionen bei den Lesern hervor.

Natürlich habe ich auch schon Geschichten geschrieben, deren Figuren vollkommen frei erfunden waren. Doch wenn ich diese später durchlese, stelle ich oft fest, dass sie doch irgendwie einem Menschen ähneln, der eine Rolle in meinem Leben spielt oder gespielt hat. Nicht selten sind sie auch verschiedene Versionen meiner Selbst. Ich glaube, so wie in Träumen angeblich alle Personen für einen Selbst stehen, ist es bis zu einem gewissen Grad auch bei den Figuren, die wir erfinden. Klar, ich bin kein Ex-Junkie/Ex-Häftling, der versucht, sein Leben in den Griff zu bekommen, aber irgendwo in dieser Erfahrung finde ich mich selbst wieder, auch wenn ich es vielleicht nicht realisiere, während ich es schreibe.

Kann man überhaupt Menschen erfinden? Oder reproduzieren wir einfach nur ein und denselben Menschen immer und immer wieder mit diversen Modifikationen und Updates? Oder sind wir Menschen am Ende vielleicht doch irgendwie alle gleich, weshalb wir uns in Figuren wiederfinden, die ein vollkommen anderes Leben führen als wir selbst? Ich glaube zumindest, dass wir Menschen gewisse Grundbedürfnisse teilen (Sicherheit, Liebe, Anerkennung, etc.) und wenn wir diese bei einer Buchfigur wiedererkennen, können wir Sympathie und Empathie mit dieser haben und uns vielleicht sogar mit ihr identifizieren.

Wie ist eure Erfahrung mit Figuren beim Lesen oder Schreiben? Basiert ihr eure Figuren auf echten Leuten oder erfindet ihr sie komplett?

 

 

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