Wie erfindet man Menschen?

Ich habe ja bereits ein paar Einblicke in meinen Schreibprozess und Überarbeitungsprozess gegeben, aber heute möchte ich mich mit einer der wichtigste Aspekte eines Buchs beschäftigen: den Figuren. Für mich lebt und stirbt eine Geschichte mit ihren Figuren. Ich will über Figuren lesen, in die ich mich verliebe, die ich bewundere, die mich zum Lachen bringen, mit denen ich mich identifizieren kann, die mich faszinieren und vielleicht sogar ein paar, die ich hassen kann. Und natürlich möchte ich auch über ebensolche Figuren schreiben. Doch das ist gar nicht so einfach.

Bild von Jaqie Limanu , abgebildet ist meine Figur Rebecca

Ich muss zugeben, dass alle Figuren in meinem Roman mehr oder weniger stark auf Leuten beruhen, die ich tatsächlich kenne oder mal gekannt habe. Dadurch habe ich selbst ein ziemlich klares Bild von der entsprechenden Person im Kopf, doch es ist eine ganz andere Sache, diese dann mit nichts als Wörtern zum Leben zu bringen. Hinzu kommt, dass ich ihnen natürlich jede Menge Dinge andichte, die sie von ihren echten Vorlagen unterscheiden. Denn mein Buch soll spannender werden als die Realität, weshalb es Figuren braucht, die interessanter, schillernder, vielleicht auch extremer sind als reale Menschen. Ansonsten könnten wir uns ja einfach in ein Café setzen und den Gästen beim Leben zuschauen.

Manchmal muss ich allerdings erleben, dass Figuren ganz anders bei meinen Lesern (bisher nur meine Kritikpartnerin, die Mitglieder meiner Schreibgruppe und zwei, drei vertrauenswürdige Freunde) ankommen, als ich sie mir ausgedacht habe. So mögen zum Beispiel einige meiner Freunde meine Antagonistin, obwohl diese doch geschaffen wurde, um gehasst zu werden. Andersherum finden manche (inklusive mir selbst, um ehrlich zu sein) meine Protagonistin weniger sympathisch, als mir das lieb wäre. Mittlerweile habe ich mich damit abgefunden. Ich glaube, meine Figuren sind mir einfach so nah, dass ich sie nicht mehr für das sehen kann, was sie wirklich sind. Manchmal bemerkt eben jeder außer einem selbst, dass der beste Freund ein Arschloch ist, denn wir selbst können das nicht sehen, immerhin ist er unser bester Freund. Aber das ist okay. Beste Freunde können (in Maßen) auch mal Arschlöcher sein. Protagonisten können gehasst und Antagonisten geliebt werden. Hauptsache die Figuren rufen irgendwelche Emotionen bei den Lesern hervor.

Natürlich habe ich auch schon Geschichten geschrieben, deren Figuren vollkommen frei erfunden waren. Doch wenn ich diese später durchlese, stelle ich oft fest, dass sie doch irgendwie einem Menschen ähneln, der eine Rolle in meinem Leben spielt oder gespielt hat. Nicht selten sind sie auch verschiedene Versionen meiner Selbst. Ich glaube, so wie in Träumen angeblich alle Personen für einen Selbst stehen, ist es bis zu einem gewissen Grad auch bei den Figuren, die wir erfinden. Klar, ich bin kein Ex-Junkie/Ex-Häftling, der versucht, sein Leben in den Griff zu bekommen, aber irgendwo in dieser Erfahrung finde ich mich selbst wieder, auch wenn ich es vielleicht nicht realisiere, während ich es schreibe.

Kann man überhaupt Menschen erfinden? Oder reproduzieren wir einfach nur ein und denselben Menschen immer und immer wieder mit diversen Modifikationen und Updates? Oder sind wir Menschen am Ende vielleicht doch irgendwie alle gleich, weshalb wir uns in Figuren wiederfinden, die ein vollkommen anderes Leben führen als wir selbst? Ich glaube zumindest, dass wir Menschen gewisse Grundbedürfnisse teilen (Sicherheit, Liebe, Anerkennung, etc.) und wenn wir diese bei einer Buchfigur wiedererkennen, können wir Sympathie und Empathie mit dieser haben und uns vielleicht sogar mit ihr identifizieren.

Wie ist eure Erfahrung mit Figuren beim Lesen oder Schreiben? Basiert ihr eure Figuren auf echten Leuten oder erfindet ihr sie komplett?

 

 

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