#femtember 2022: Die linke Hand der Dunkelheit von Ursula K. LeGuin

Als letzten Buchtipp für diesen #femtember wähle ich das anspruchsvollste der vorgestellten Bücher, das sich aber meiner Meinung nach lohnt zu lesen und das definitiv zum Nachdenken anregt. Die linke Hand der Dunkelheit ist ein Science Fiction Klassiker der Kult-Autorin Ursula K. LeGuin. Ich muss euch warnen, dass die erste Hälfte des Buchs ziemlich theoretisch und langatmig ist, aber die zweite Hälfte dann wiederum absolut hervorragend, spannend und emotional mitreißend. Also haltet durch – es wird besser! Ich habe das Buch im englischen Original (The left hand of Darkness) gelesen, was wegen der alten Sprache teils herausfordernd war. Auf Deutsch ist das Buch im Moment nur in Bibliotheken erhältlich, aber nächstes Jahr soll eine deutsche Neuauflage erscheinen.

Achtung Spoiler: Im Folgenden werde ich auf Aspekte des Buchs eingehen, die auch etwas zum Plot vermuten lassen. Deshalb: Wenn ihr das Buch ohne jede Info über die Story erleben wollt, dann lest es zuerst, bevor ihr zu diesem Blogpost zurückkommt.

Die Prämisse

Die linke Hand der Dunkelheit erzählt von einer Welt, in der es keine fixen Geschlechter gibt, sondern alle Leute sind erst einmal geschlechtlos und wenn sie sich paaren wollen, dann können sie die Geschlechtsteile annehmen, auf die sie eben gerade Lust haben. Das ist die Prämisse des Buchs. Die Geschichte dreht sich um einen Botschafter eines anderen Planeten, der in diese ihm so fremde Lebenswelt trifft und sie mehr und mehr kennenlernt. Es ist also im Prinzip auch eine Erstkontaktgeschichte.

Keine Geschlechter = Keine Diskriminierung aufgrund des Geschlechts

Das Schöne an LeGuins Prämisse ist, dass sie es tatsächlich schafft, den Kern der Ungleichheit zwischen den Geschlechtern zu beseitigen. Denn in der Welt von Die linke Hand der Dunkelheit können alle Kinder kriegen. Alle Leute sind manchmal Frauen und manchmal Männer und oft geschlechtlos. Alle wissen, wie es ist, beides zu sein und wie mensch unterschiedlich behandelt wird. Dadurch entsteht tatsächlich eine Welt ohne Diskriminierung aufgrund des Geschlechts.

Keine Geschlechter = Kein Krieg

Das mit der fehlenden Diskriminierung ist ja noch sehr logisch, aber es ist auch eine Welt ohne Krieg und das wirkt auf den ersten Blick etwas weiter hergeholt. Die Frage, wieso das so ist, wird eigentlich auch nie so ganz beantwortet im Buch, aber ich habe zwei Ideen. Es ist möglich, dass die Abwesenheit von Krieg gar nichts mit der Abwesenheit von fixen Geschlechtern zu tun hat, sondern daher rührt, dass dieser Planet (der Winter heißt) extrem kalt ist und die Leute aufgrund der Kälte einfach Wichtigeres zu tun haben, als sich gegenseitig zu bekriegen (vielleicht könnten wir was davon lernen – Stichwort: Klimakatastrophe).

Die zweite Theorie ist feministischer: Ich habe mal die Hypothese gehört, dass Frauen durch das Gebähren-Können ja eine Schöpfungsmacht haben, die Männer nicht haben, und Letztere versuchen das dann in anderen Lebensbereichen auszugleichen und dort die Macht zu erlangen. In einer Welt, in der alle Kinder kriegen können, gibt es nichts zu kompensieren, weshalb es auch keine Kriege gibt.

Es wird politisch

Aber – Überraschung! – obwohl es in Die linke Hand der Dunkelheit keine fixen Geschlechter, keine Diskriminierung aufgrund der Geschlechter und keinen Krieg gibt, ist die Welt darin trotzdem alles andere als perfekt. Es gibt immer noch soziale Ungleichheit, es gibt Klassismus, es gibt Ausbeutung und Ungerechtigkeit und Gewalt und extreme Grausamkeit (Achtung: Kapitel 13 wird brutal und hat mich ziemlich erschüttert).

In dem Buch stellt Ursula LeGuin verschiedene politische Systeme vor: eine Monarchie, ein sozialistisches System und am Rande eine demokratische Förderation, aus der der Botschafter stammt. Während die Monarchie zwar auch ihre Probleme hat, ist es das sozialistische System das extrem menschenverachtend und böse ist und in dem die schlimmsten Gräueltaten geschehen. Die linke Hand der Dunkelheit wurde in den 60ern veröffentlicht und die Autorin ist Amerikanerin, deshalb denke ich, dass man diese politischen Darstellungen im Kontext des Kalten Krieges lesen muss und dass es für LeGuins westliche Sicht nicht überraschend ist, dass der Sozialismus im Buch nicht gut wegkommt.

Die Grenzen der Autorin

In vielen Dingen war Ursula LeGuin ihrer Zeit voraus. Die Idee des Aufbrechens der fixen Geschlechter, die Kritik der Diskriminierung, überhaupt die genderfluiden Figuren in dem Buch und die Beziehungen, die sie miteinander führen, waren für die 60er wirklich fortschrittlich, genau wie es Science Fiction sein sollte. Deshalb finde ich, dass Ursula LeGuin zurecht eine Kultautorin ist, die dieses Genre prägt wie keine andere.

An ihre Grenzen stößt sie aber in Die linke Hand der Dunkelheit bei der Sprache. Obwohl es in dieser Welt (außer dem Botschafter) nur geschlechtslose bzw. geschlechtsfluide Personen gibt, verwendet sie durchweg das Pronomen „er“ für alle. Einmal wird das sogar damit begründet, dass „er“ „weniger definiert und weniger spezifisch“ ist und deshalb für alle verwendet werden könnte. Was einfach dieselbe Argumentation ist, die heute noch „Sprachverteidiger*innen“ für das generische Maskulin verwenden, was aber Männer zur Norm macht und damit gerade nicht neutral ist. Es ist schade, dass LeGuin keine neutrale Form verwendet hat, aber naja, sie war ihren Sci Fi Kollegen aus den 60ern trotzdem um Welten voraus.

Diejenigen, die die Welt voranbringen

Es gibt noch hunderte Aspekte des Buchs, die interessant sind. Ich habe das Buch zum Glück mit einer Lesegruppe gelesen, sodass wir uns darüber austauschen konnten. Falls ihr es auch kennt und wen zum drüber reden sucht, meldet euch gerne bei mir!

Da ich aber nicht will, dass dieser Blogpost ewig weitergeht, möchte ich zuletzt nur noch einen Shoutout zu unser aller Lieblingsfigur in dem Buch geben (Estraven), die für die Leute steht, die die Welt voranbringen: Die die auf Neues nicht mit Ablehnung und Gegenwehr reagieren, sondern die wollen, dass es weiter geht und besser wird. Die, die bereit sind Opfer zu bringen für das, woran sie glauben. Die, die neugierig sind und offen und tolerant und hilfsbereit – nicht weil sie etwas zurückwollen, sondern einfach nur aus der Güte ihres Herzens. Und ja, auch die, die ein bisschen verrückt sind:

„How can it ever occur to a sane man that he could fly?“

Ursula K. LeGuin

Dabei möchte ich es auch belassen. Die linke Hand der Dunkelheit ist ein anspruchsvolles Buch zu lesen (sprachlich und inhaltlich), aber ich verspreche euch, am Ende ergibt es alles Sinn und die Autorin wirft einige wirklich originelle und beeindruckende Ideen in den Raum. Es ist zurecht ein feministisches Kult-Buch!

Kennt ihr Die linke Hand der Dunkelheit oder ein anderes Buch von Ursula K. LeGuin? Dann teilt gerne eure Meinung dazu in den Kommentaren! Wenn ihr selbst beim #femtember dabei seid, lasst doch eure Bloglinks da. Ich freue mich auf Austausch!

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