#femtember 2022: VOX von Christina Dalcher 

VOX war neben Die Gabe das zweite Buch, das mir im Frauenbuchladen empfohlen wurde und dass ich im #femtember 2022 vorstellen möchte. Es hat mich nicht ganz so umgehauen wie Die Gabe, aber es war auch ein verdammt gutes Buch und es hat mich definitiv zum Nachdenken angeregt und fast ein bisschen terrorisiert, wie ein beängstigender Geist, der in meiner Wohnung lebt. 

Achtung Spoiler: Auch hier möchte ich einige Themen und Ideen des Buchs vorstellen und muss dabei auch etwas genauer auf manche Aspekte des Plots eingehen. Wenn ihr also das Buch noch lesen möchtet und absolut nichts davon erfahren wollt, dann hebt euch diesen Post am besten für nach der Lektüre auf. 

Die „Rechten“ wütend zu machen ist gefährlich 

Das war für mich der Gruselfaktor des Buchs. In VOX geht es um Amerika 2017, nur dass Frauen so gut wie keine Rechte haben. Sie dürfen nicht arbeiten und sie dürfen nur 100 Wörter am Tag sprechen. Am Anfang dachte ich, dass das total unrealistisch und übertrieben ist, aber umso mehr ich gelesen habe, umso mehr habe ich erfahren, wie es in dieser Geschichte soweit kommen konnte, und es ist eigentlich erschreckend realistisch. 

Denn es beginnt, wie in unserer Welt, mit der Wahl eines sexistischen, autoritären US-Präsidenten, woraufhin Frauen auf den Straßen protestieren (erinnert an den Women’s March 2016). Immer wieder kommen rechte, konservative Männer und Frauen zu Wort, die argumentieren: Die Feministinnen haben es einfach zu weit getrieben. Sie haben zu viel Krach gemacht, zu viel gefordert, zu viele als Sexisten und Rassisten bezeichnet, bis die konservative „Mitte“ zurückgeschlagen hat und einen Präsidenten und seine rückständigen Praktiken unterstützt hat. „Look what you made me do“. Dieses: Du bezeichnest uns als Rassisten und Sexisten – dann verhalten wir uns jetzt eben offen so. Das fand ich in VOX wirklich gruselig, weil es nicht so weit hergeholt wird. Es gibt Men’s Rights Activists und Rechte, die genauso argumentieren. Es gibt Menschen, die andere umbringen, weil sie meinen, die wären zu weit gegangen mit ihrem Kampf für ihre Rechte.

Ich glaube, das ist eine echte Gefahr, deshalb ist die Geschichte von VOX gar nicht so weit hergeholt. Vor allem, weil wir nicht wissen, was die schweigende Mehrheit wirklich denkt. Es sind ja nicht nur die Amokläufer und Men’s Rights‘ Activists, die so denken, sondern auch viele, die es nie öffentlich zugeben würden. Sonst hätte Trump nicht gewonnen oder die AfD nicht so viele Stimmen bekommen. Diese schweigende Mehrheit trägt die gefährlichen „Einzelgänger“, die in politische Ämter gewählt werden und auf Social Media hetzen und manchmal auch Amok laufen. Das wird in VOX überdeutlich dargestellt. 

Jackie 

Es gibt eine Figur in VOX, die fast nie tatsächlich vorkommt, an die die Protagonistin aber ständig denkt, deshalb ist sie mir viel stärker in Erinnerung als alle anderen. Jackie ist die ehemalige Mitbewohnerin der Protagonistin und eine kämpferische Feministin. Sie ist diejenige die auf den Women’s Marches war und im Fernsehen für feministische Ziele eingetreten ist. Sie ist diejenige, die seit Jahren gewarnt hat, dass so etwas passieren kann, dass eine konservative autoritäre Regierung die Frauen komplett unterdrücken kann. Aber alle haben sie belächelt und gedacht, die übertreibt doch. Die Protagonistin hatte zwar Verständnis für das Anliegen, aber hatte einfach immer zu viel zu tun, um sich zu engagieren, bis es zu spät war. Ich fand Jackie so eine starke Figur, weil sie mich an all die Aktivistinnen erinnert, die in der Realität wichtige Arbeit leisten und auf wichtige Themen aufmerksam machen und die auch nur belächelt werden oder sogar angefeindet oder deren Posts mal kurz geteilt werden, aber dann wieder vergessen. Wir sollten genauer hinhören und wirklich aktiv werden, das habe ich von VOX gelernt. 

Interessant war auch, dass die Protagonistin immer argumentiert hat, sowas könne nie passieren, weil sie kenne niemanden, der so sexistisch denke, und sie selbst sei ja ein Beispiel von Women Empowerment (sie war eine erfolgreiche Wissenschaftlerin) und Jackie antwortete darauf: Überleg dir mal, wie die Welt außerhalb deiner Blase aussieht. Ich finde, das ist ein wichtiger Punkt. Nur weil etwas in unserem unmittelbaren Umfeld unwahrscheinlich erscheint, heißt das nicht, dass das im Rest der Gesellschaft nicht anders ist. Wir leben viel zu sehr in unseren Blasen.

Steven oder die Draco Malfoy Theorie 

Die zweitinteressanteste Figur war meiner Meinung nach der Sohn der Protagonistin, Steven. Er lebt in dieser neuen Gesellschaft, in der die Frauen unterdrückt werden und er glaubt immer mehr daran, dass das richtig so ist und beginnt, den Staat auch zu unterstützen. Es ist gruselig mitzuerleben, wie das passiert. Aber es ist auch nachvollziehbar, denn Steven bekommt in der Schule und in den Medien permanent eingeredet, dass Männer mehr wert sind als Frauen und dass Frauen in ihrer unterdrückten Rolle am richtigen Platz sind. Er ist jung, beeinflussbar. 

Ich habe vor langem mal einen Artikel über Draco Malfoy gelesen, der beschreibt, wie Draco ein Beispiel ist für Kinder, die mit rassistischen Gedankengut erzogen werden. Dass sie automatisch auch daran glauben und unter Druck gesetzt werden mitzumachen. Daran musste ich bei Steven denken. Da ist sicher was dran. 

Die Macht der Sprache 

Frauen wird in VOX verboten mehr als 100 Wörter zu sprechen und wenn sie es doch tun, erhalten sie Stromschläge. Allein die Idee, dass Menschen die Sprache genommen wird, um sie zu unterdrücken, zeigt, wie entscheidend Sprache ist. (Und damit ist hier auch Schrift gemeint, Zeichensprache, Mimik, etc.) Sprache ist was Menschen ausmacht und ohne die Sprache sind Menschen machtlos und gehen ein. Das war irgendwie auch eine schöne Liebeserklärung an die Sprache. 

Frauenrechte in der echten Welt 

Und letztlich gilt auch hier (wie bei Die Gabe): Vieles was hier beschrieben wird, geschieht schon in der echten Welt. Es gibt Länder und Kulturen auf der Welt, in denen Frauen nicht arbeiten dürfen, keine Bildung erfahren und nicht ihren Männern widersprechen dürfen oder auch nur das Wort ergreifen, wenn sie nicht angesprochen werden. Wir denken, das wäre so unrealistisch, weil wir in unseren Blasen leben, in denen Frauen immerhin die Mindestrechte haben. Aber in anderen Gegenden der Erde sieht es anders aus. Mir hat VOX vor Augen geführt, wie egoistisch und auf den Westen zentriert ich doch denke. Überhaupt: Dass es ein Buch wie VOX braucht, in denen Frauen im Westen (in den USA) unterdrückt werden, damit wir uns daran erinnern, dass Frauen bereits unterdrückt werden in anderen Teilen unserer Welt, ist schon traurig. Aber gerade deshalb ist VOX so ein wichtiges Buch und kann uns wachrütteln. 

Das Buch ist übrigens auch einfach vom Plot und von der Struktur her wirklich gut. Es ist nicht so genial vielschichtig wie Die Gabe, aber die Autorin von VOX macht alles richtig, alles funktioniert und findet am Ende zusammen. Ein gutes Buch mit vielen wichtigen Gedankenansätzen – kann ich nur empfehlen. 

Kennt ihr VOX und seid ihr auch beim #femtember dabei? Lasst mir gerne eure Kommentare da! 

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