#femtember 2022: Die Gabe von Naomi Alderman

Hurra, es ist wieder #femtember – eine wunderbare Aktion von Nico im Buchwinkel, in der wir Blogger*innen uns einen Monat lang mit feministischen Büchern und Themen beschäftigen. Alle Infos zum #femtember 2022 und auch Links zu allen anderen Blogs, die mitmachen, findet ihr hier.

Letztes Jahr habe ich zum ersten Mal beim #femtember mitgemacht und versucht, kurz vorm September so viele Bücher wie möglich zu lesen, von denen ich mir erhofft habe, dass sie irgendwie feministisch sind. Das war ein ziemlich stressiger Ansatz. Deshalb habe ich es dieses Mal anders gemacht. Ich habe einfach generell nach feministischer Literatur Ausschau gehalten und sie, wann immer sie mir in die Hände gefallen ist, gelesen. Im Ergebnis möchte ich euch diesen Monat die vier besten feministischen Bücher, die ich im letzten Jahr gelesen habe, vorstellen. Zum Ende des Monats soll es dann auch noch einen Blogpost über Frauenrechte geben, der jenseits der Literatur Probleme und Ansätze in unserer Gesellschaft beleuchtet.

Beginnen möchte ich mit meinem Lieblingsbuch aus dem Jahr 2021. Die Buchbesprechung habe ich direkt nach dem Lesen geschrieben, ich bin jetzt selbst gespannt, was darin steht, weil ich mich kaum noch daran erinnere. An das Buch selbst erinnere ich mich aber noch gut, das wird mich so schnell nicht mehr loslassen.

Übrigens freue ich mich immer riesig über feministische Buchtipps und Links zu anderen feministischen Blogs! Lasst diese gerne in den Kommentaren da. Jetzt aber wirklich: Los geht’s mit dem #femtember 2022!

Ich schreibe diesen Blogpost viele Monate vor dem Femtember 2022 (tatsächlich ist es noch 2021), während mir die Erfahrung, dieses Buch zu lesen, noch tief unter den Knochen sitzt. Ich habe schon öfters mal von Die Gabe gehört, aber ich muss zugeben, dass ich die Idee immer ein bisschen dämlich fand: Mädchen, später auch Frauen, können plötzlich Stromschläge aus ihren Händen schießen. Klang für mich wie billige Fantasy. Doch dann stand ich im Frauenbuchladen in Tübingen und habe nach feministischen Science Fiction Büchern gefragt und die Buchhändlerin hatte genau zwei im Angebot, die ich einfach mal beide gekauft habe. Eines davon war Die Gabe. Ich habe mich einfach blind in die Lektüre gestürzt, ohne zu viel zu erwarten und das Buch hat mich komplett erschüttert – das meine ich positiv. Es ist definitiv feministisch, auch wenn ich streckenweise befürchtet habe, dass es genau das Gegenteil herüberbringen will, aber am Ende ist die feministische Message dann glasklar. 

Achtung Spoiler: Im Folgenden werde ich ein paar Themen und Ideen aus Die Gabe vorstellen. Ich verzichte auf Plotinfos, aber ihr könnt euch vermutlich trotzdem erschließen, in welche Richtung die Story geht. Wenn ihr das Buch also noch nicht kennt und komplett ohne jegliche Vorstellung, was euch erwartet, lesen möchtet, dann solltet ihr den Rest des Posts erst danach weiterlesen. 

Macht macht böse – egal, wer du bist 

Es startet wie eine Empowerment-Fantasie. Endlich sind die Frauen das körperlich stärkere Geschlecht und können sich gegen ihre Unterdrücker zu Wehr setzen. Hurra! Aber spätestens zur Mitte des Buchs kippt die Stimmung. Denn – so zeigt es Naomi Alderman – auch unter Frauen gibt es einige, die, wenn sie Macht erlangen, korrupt werden und gierig und ungerecht und grausam und einfach durchweg böse. Das Buch wird streckenweise wirklich brutal, vor allem zum Ende hin gibt es grafische Gewaltszenen und Vergewaltigungen. Das ist hart zu lesen, aber es wird im Plot logisch herbeigeführt und ich finde den Punkt, den die Autorin hier macht, durchaus nachvollziehbar: Der Macht ist es egal, welches Geschlecht wir haben. Sie ist immer verführerisch und sie birgt immer das Risiko, dass wir sie missbrauchen. Lange dachte ich beim Lesen, was sagt die Autorin hier eigentlich? Dass Frauen mit Macht genauso schlimm wären wie Männer? Ich glaube, ja, das sagt sie schon irgendwie, aber dahinter steckt trotzdem eine feministische Botschaft, wenn auch vielleicht nicht so, wie ich es mir zu Beginn vorgestellt habe. 

Geschlechterzuschreibungen sind willkürlich 

Denn was die Geschichte in Die Gabe eigentlich zeigt, ist, dass Männer eben nicht an sich aggressiver und korrupter sind als Frauen. Dass sie nicht natürlich das harte Geschlecht sind und die Frauen das weiche Geschlecht. Sondern dass beide dazu gemacht wurden wegen den Umständen und den Machtverhältnissen in unserer Gesellschaft. Naomi Alderman zeigt wunderbar, wie Geschlechterklischees willkürlich entstanden sind, indem sie sie auf den Kopf stellt und zeigt, wie sich einige Frauen entwickeln würden, wenn sie als die Mächtigen gelten würden.  

Ich habe in einer Buchkritik gelesen, dass der Autorin vorgeworfen wird, dass sie nicht binäre Menschen komplett außer Acht lässt und die Welt so darstellt, als gäbe es nur Männer und Frauen. Das stimmt, aber ich glaube, dass sie letztlich trotzdem diese binären Geschlechterrollen aufbricht. Denn sie zeigt, dass es egal ist, was für Geschlechtsteile wir haben, die gesellschaftlichen Umstände und die Macht, die uns gegeben wird (oder die wir an uns reißen), entscheidet darüber, welche Rolle wir einnehmen, nicht das, was sich zwischen unseren Beinen abspielt. Überhaupt gibt es am Ende der Geschichte eine Figur, die festhält, dass das Problem genau das binäre Denken ist, das Entweder-Oder-Denken. Dass wir beginnen müssen, andere Fragen zu stellen. Und ich glaube, damit trifft sie den Geist der Zeit: Haben binäre Geschlechtervorstellungen überhaupt eine Zukunft? Wird es überhaupt noch von Bedeutung sein, welches Geschlecht eine Person hat? 

Allerdings muss ich auch kritisieren, dass die Autorin einen Aspekt außen vorlässt, nämlich dass eben bisher nur Frauen* Kinder bekommen können. Und dass sie allein deshalb eine bestimmte Rolle erhalten, nämlich die der Gebärerin oder – wenn wir es positiv ausdrücken wollen – die der Schöpferin. Daran ändert sich auch nichts, wenn sie plötzlich körperlich stärker sind als Männer. Das fällt mir erst jetzt nach der Lektüre auf. Währenddessen war ich so mitgerissen, dass ich gar nicht daran dachte, was ja wiederum dafür spricht, wie fesselnd dieses Buch ist. 

Alles was hier beschrieben wird, ist schon geschehen 

Ich habe ja noch gar nicht erwähnt, wie genial Die Gabe strukturiert ist. Denn die Geschichte der Frauen, die Stromschläge aus ihren Händen schicken können, ist nur die Binnengeschichte, die Geschichte innerhalb der Rahmengeschichte, in der ein Schriftsteller einer Schriftstellerin sein Manuskript zum Lesen gibt. Diese Ebenen funktionieren genial zusammen, das hat mich wirklich umgehauen. 

Im der Rahmengeschichte, die nur zu Beginn und zum Ende des Buchs vorkommt, diskutieren die beiden darüber, wie realistisch diese Geschichte ist. Sie fragen sich, ob all die Grausamkeiten, die Männern in der Geschichte widerfahren, tatsächlich stattfinden könnten. Und die Wahrheit ist, dass all diese Grausamkeiten schon längst geschehen sind, nur dass sie in unserer Welt Frauen widerfahren sind. Mord, Vergewaltigung, Menschenhandel, Genitalverstümmelung, u.v.m. – all das ist immer wieder in unserer Geschichte geschehen und es passiert noch immer überall auf der Welt. Natürlich erleben auch Männer solch schreckliche Dinge, aber überwiegend sind es Frauen, denn in unserer Welt haben (und hatten) Männer die Macht. Das ist die feministische Botschaft aus Die Gabe

Also, ich kann das Buch nur voll und ganz empfehlen. Es ist etwas ungewöhnlich (sowohl inhaltlich als auch strukturell), aber wenn ihr euch drauf einlasst, werdet ihr hoffentlich genauso davon gefangen genommen wie ich. Ich habe das Buch verschlungen und jetzt kann ich immer noch nicht aufhören, darüber nachzudenken. 

Kennt ihr Die Gabe oder wollt ihr es noch lesen? Seid ihr beim #femtember dabei? Lasst mir eure Gedanken und Posts in den Kommentaren! 

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2 Kommentare

  1. Hallo Sunita,

    ich finde die Prämisse aus „Die Gabe“ sehr spannend und sie passt sehr gut zu dem von mir gerade für den #femtember vorgestellten Buch „Das Paradies ist weiblich“. Auch darin geht es darum, dass eine Umkehr der Herrschaftsverhältnisse vom Männlichen zum Weiblichen nicht die Lösung sein kann. Stattdessen könnte das Ziel des Matriarchats die vollkommene Abwesenheit von Herrschaft an sich sein.

    Schön, dass du mit dabei bist!
    Liebe Grüße,
    Nico

    Gefällt 1 Person

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