Leserückblick: April bis Juni 2022

Das zweite Quartal in 2022 war ein anstrengendes für mich, was auch der Grund ist, weshalb es hier auf dem Blog etwas ruhiger war. Ich habe viel an der Überarbeitung meines Buchs gearbeitet (dazu in Zukunft mal mehr) und im letzten Monat war ich im Urlaub und dann krank, weshalb ich zu kaum was kam. Trotzdem habe ich es geschafft, in den vergangenen drei Monaten neun Bücher zu lesen und das Lesen war für mich so eine wichtige und wohltuende Abwechslung. Im Folgenden stelle ich euch meine gelesenen Bücher vor.

The left hand of Darkness von Ursula K. Le Guin (Science Fiction)

Begonnen hat mein zweites Lesequartal des Jahres mit einem Buddy Read. Ich wollte schon ewig was von der Kultautorin der Science Fiction Ursula K. Le Guin lesen und durch Unterhaltungen über Literatur von Frauen (die ich viel zu wenig lese) ist die Idee zu einem kleinen Lesekreis zu dem Buch entstanden. Wir wollen auch in Zukunft weitere Bücher von Frauen zusammen lesen, also Tipps dafür gerne an mich!

Ich möchte im #Femtember noch eine ausführliche Buchvorstellung zu The left hand of Darkness (Die linke Hand der Dunkelheit) teilen, deshalb halte ich mich jetzt kurz. Das Buch ist wirklich sehr interessant, definitiv feministisch und es stecken eine Menge faszinierende Themen darin. Die Autorin entwirft eine Welt, in der es keine fixen Geschlechter gibt und zeigt, wie solch eine Gesellschaft aussehen könnte. Das ist aber wirklich nur eine sehr oberflächliche Beschreibung, es steckt viel mehr dahinter. Ich muss euch aber vorwarnen: Es ist kein einfaches Buch zu lesen. Gerade die erste Hälfte ist äußerst theoretisch, wodurch auch die Figuren lange distanziert bleiben. Manche Kapitel lesen sich eher wie ein Essay als ein Sci Fi Roman. In der zweiten Hälfte wird das aber mehr als gut gemacht, denn dann wird es wirklich wunderschön und ich habe extrem mitgefühlt. Also, es lohnt sich definitiv, aber man braucht eine gewisse Toleranz für theoretische Literatur, die ich zum Glück nach viel Lektüre von Science Fiction dieser Art und auch Sachbüchern habe.

Bewertung: ++++ – Vier von fünf Punkten

Wie ist Jesus weiß geworden? von Sarah Vecera (Sachbuch)

Über dieses Rezensionsexemplar habe ich bereits eine Buchvorstellung verfasst und freue mich sehr, wenn ihr sie hier lest! Die Autorin betrachtet Rassismus in der Kirche, im Christentum und in der Welt. Das Buch ist wirklich sehr gut, es spricht wichtige Themen an und fesselt gleichzeitig. Mir hat besonders gut gefallen, wie persönlich es geschrieben ist und insbesondere die Verzwickungen der Kirche mit dem Kolonialismus, die beschrieben werden, haben mich aufgerüttelt. Ich kann Wie ist Jesus weiß geworden wirklich allen empfehlen, nicht nur denjenigen, die in der Kirche sind!

Bewertung: ++++ – Vier von fünf Punkten

Gespenster von Dolly Alderton (Roman)

Nach The left hand of Darkness, das ja ein schwieriges Buch zu lesen war und mich auch mehrere Wochen gekostet hat, war Gespenster sowas von einfach zu lesen und ich habe es in wenigen Tagen verschlungen. Es geht um eine 32-Jährige Food-Autorin in London, ihr Liebesleben (oder die Abwesenheit dessen), ihre Freundinnen, die Familien gründen, ihre Familie und mehr. Klingt total banal, aber ich habe es geliebt! Es war für mich genau das richtige Buch zur richtigen Zeit und ich konnte mich so sehr in der Protagonistin wiederfinden. Sie fasst das Lebensgefühl von Menschen Anfang 30 echt perfekt. Das ist sowieso etwas, das mich im Moment (ich werde bald 31) viel beschäftigt, und das Buch hat sich deshalb für mich soo treffend angefühlt. Dabei ist es auch witzig und unterhaltsam und liebenswert. Wenn ihr euch in einer ähnlichen Lebensphase befindet und etwas Lockeres, aber Wahres lesen wollt, kann ich Gespenster nur empfehlen. Ich bin der freundlichen Buchhändlerin, die es mir empfohlen hat, extrem dankbar und werde bestimmt für weitere Buchtipps zurück zu ihr kehren.

Bewertung: ++++ – Vier von fünf Punkten

Orientalism von Edward Said (Sachbuch)

Es folgen zwei Sachbücher, die ich zur Recherche für mein eigenes Buch spontan dazwischen geschoben habe. Orientalism ist ein altes Werk, es ist 1978 erschienen, und war für seine Zeit wirklich fortschrittlich. Im Kern geht es darum, dass das Konzept „der Orient“ eine Erfindung des Westens ist, um den Osten von sich selbst abzugrenzen und damit Kolonialismus und Ausbeutung zu rechtfertigen. Das erklärt eine Menge Geschichte und ist leider bis heute noch relevant. Auf Instagram habe ich schon mal einige Punkte aus dem Buch geteilt und da das auf Interesse gestoßen ist, möchte ich – wenn ich irgendwann mal Zeit habe – gerne eine ausführlichere Vorstellung des Orientalismus teilen.

Bewertung: ++++ – Vier von fünf Punkten

Zeitenwende 1979 von Frank Bösch (Sachbuch)

Als ich online über dieses Buch gestolpert bin, musste ich es unbedingt haben, denn es passt perfekt zu meinem eigenen Buchprojekt (jetzt könnt ihr mal raten, in welchem Jahr es spielt ;)). Laut dem Autor war 1979 eine Zäsur in der Geschichte, denn es gab extrem viele Umbrüche in diesem Jahr, die eine neue Weltordnung eingeführt haben, die berühmteste darunter vermutlich die Islamische Revolution im Iran. Ich muss sagen, dass ich nichts grundlegend Neues in dem Buch erfahren habe, weil ich schon so viel zu den Themen recherchiert hatte, aber der Autor bringt doch einige zusätzliche Details, die ich faszinierend fand.

Bewertung: +++ – Drei von fünf Punkten

Herbstläuferin von Anne Bax (Science Fiction Liebesroman)

Als nächstes habe ich einen wunderbaren lesbischen Liebesroman im Sci Fi Setting gelesen, den ich auch schon in einer Rezension hier vorgestellt habe. Beide Elemente (der Science Fiction Plot, wobei es sich um eine gesellschaftliche Dystopie auf der postapokalyptischen Erde handelt, und die Love Story, die aufregend, süß und nachvollziehbar ist) haben mir gut gefallen und gerade das Zusammenspiel der beiden macht das Buch aus. Kann ich nur empfehlen!

Bewertung: ++++ – Vier von fünf Punkten

Gier von Barbara Streidl (Sachbuch)

Gier ist ein kleines Essaybuch, in dem die Journalistin Barbara Streidl mit der Gier abrechnet. Sie zeichnet deutlich die Profitgier nach und wie sie zur Ausbeutung führt, wo Gier her kommt und wie sie unsere Welt kaputt macht. Mir hat das Buch gut gefallen, denn es bringt es wirklich auf den Punkt und ich konnte nur zustimmen. Ich möchte auch noch eine Buchvorstellung von Gier (und dem anderen Band der Reihe Wut von Johanna Kuroczik, das ich gerade lese) erstellen. Beide Bücher sind in dem Verlag erschienen, in dem ich arbeite, ich lese sie aber aus reinem Interesse und meine Bewertungen sind meine persönlichen Meinungen zu den Büchern.

Bewertung: ++++ – Vier von fünf Punkten

Das Ministerium des äußersten Glücks von Arundhati Roy (Roman)

Das zweite wirklich anspruchsvolle Buch in diesem vergangenen Quartal, das ich gelesen habe, war Das Ministerium des äußersten Glücks. Ob ich es wirklich durchgelesen hätte, wenn ich nicht in Quarantäne fest gesessen hätte? Vielleicht, aber ich hätte sicher wesentlich länger gebraucht. Ich wollte schon ewig etwas von der Autorin lesen, aber meine Ausgabe von ihrem ersten Buch Der Gott der kleinen Dinge ist irgendwie verschwunden (ausgeliehen und nie wieder bekommen). Deshalb habe ich zugegriffen, als ich Das Ministerium des äußersten Glücks als Mängelexemplar entdeckt habe.

Es ist wirklich ein gutes Buch! Aber es ist extrem anspruchsvoll, sowohl sprachlich als auch inhaltlich. Die Hälfte des Buchs erzählt die Geschichte einer Hijra. Das sind in Indien trans Frauen oder Menschen mit beiden Sexualorganen, die in ihren eigenen Gemeinschaften am Rande der Gesellschaft leben und um die sich ein Haufen Mythen und Vorurteile ranken. Ich z.B. kenne sie, weil sie zu Hochzeiten meiner indischen Verwandten kommen und tanzen und es heißt, wenn man ihnen kein Geld gibt, verfluchen sie die Babys des Ehepaars. Was natürlich Schwachsinn ist. Allein die Entscheidung, eine Geschichte aus der Sicht einer Hijra (sowie auch über ihre Hijra Schwestern) zu erzählen, ist absolut genial und es hat mich total gefesselt! Die andere Hälfte des Buchs, die aber mit der Geschichte der Hijra verwoben ist, dreht sich größtenteils um den Kaschmir Krieg, der seit Jahrzehnten im nördlichen Bundesstaat Indiens tobt. Obwohl meine Familie auch im Norden Indiens (aber nicht in Kaschmir) lebt, muss ich sagen, dass ich mich nie wirklich mit Kaschmir auseinandergesetzt habe, obwohl ich mir des Krieges natürlich bewusst war. Was ich im Buch nun davon erfahren habe, ist hart und grausam und ernüchternd. Aber es ist auch wichtig, davon zu wissen. Jetzt möchte ich gerne mehr auf sachlicher Ebene zu diesem Thema recherchieren.

Das Buch behandelt also tolle Themen und wie die Autorin die verschiedenen Handlungsstränge miteinander verwebt, ist wirklich beeindruckend! Wieso ist es trotzdem anstrengend? Erstens ist es sprachlich herausfordernd, was einerseits daran liegt, dass die Perspektive immer distanziert bleibt und nur sehr selten eine Szene miterlebt werden kann, sondern ansonsten die Geschehnisse von Weitem aufgezählt werden – was bei einem 500-Seiten Buch ermüdend ist. Andererseits gibt es viele Hindi und Urdu Begriffe, deren Bedeutung mensch aber aus dem Kontext verstehen kann. Zweitens werden entweder große zeitliche Räume (viele Jahrzehnte) in wenigen Seiten erzählt oder aber die Geschichte bewegt sich über hunderte von Seiten nicht weg von einem Moment, da – bevor dieser aufgelöst wird – erstmal die Backstories aller möglichen Figuren (inklusive Statist*innen) erzählt werden. Im Nachhinein ergibt das alles Sinn und es ist extrem gut konstruiert, aber es hält davon ab, wirklich in einen Lesefluss zu geraten. Drittens brauchen Leser*innen eine Menge Vorwissen zu Indien. Einer meiner Lieblingsaspekte des Buchs war eigentlich, dass so viele historische Ereignisse und Persönlichkeiten vorkommen und die Figuren beeinflussen, das war total spannend nachzuverfolgen, aber all das wird nie erklärt, sondern einfach erwähnt (teilweise mit Spitznamen oder vagen Andeutungen), deshalb muss mensch sich schon sehr gut mit indischer Geschichte auskennen, um das zu verstehen.

Zusammenfassend: Das Ministerium des äußersten Glücks ist eine hervorragende Darstellung Indiens, der Geschichte des Landes und der vielen verschiedenen Menschen, die darin leben. Ich würde es aber nur Menschen empfehlen, die ein gewisses Vorwissen zu Indien mitbringen und die mit anspruchsvoller Literatur erfahren sind.

Bewertung: +++ – Drei von fünf Punkten

Scythe – Die Hüter des Todes von Neal Shusterman (Science Fiction)

Nachdem mich Das Ministerium des äußersten Glücks viel Lesekraft gekostet hat und weil ich danach immer noch in Quarantäne war und nur mein Handy dabei hatte, musste ich auf etwas zurückgreifen, das schon seit Jahren in meiner iBooks App lagert: die Scythe Trilogie. Und ich muss sagen, das sind die perfekten Bücher für Krankenzeiten!

In den Scythe Büchern geht es um eine Zukunft, in der es keine natürlichen (oder unnatürlichen) Tode mehr gibt, weshalb die Scythe beauftragt werden, Leute umzubringen, um die Überbevölkerung im Rahmen zu halten. Die Geschichte dreht sich um zwei Scythe Lehrlinge. Ich dachte immer, Scythe wären Fantasy Bücher, aber diese Zukunft ist technisch sehr fortgeschritten und alles hat einen technischen Ursprung, nichts ist einfach übernatürlich, deshalb würde ich es zur Science Fiction zählen.

Wenn mensch krank ist, ist es eine schöne Flucht, von einer Welt zu lesen, in der es keine Krankheit mehr gibt, weshalb mir die Bücher gut tun. Außerdem ist es eine Geschichte, die mitreißt und so wunderbar weit weg ist von der Realität, dass ich diese beim Lesen für eine Weile vergessen kann. Genau das, was ich brauche! Ich muss sagen, die Idee der Scythe an sich überzeugt mich nicht (vor allem, wie sie vorgehen) – es gäbe so viele bessere Lösungen! Aber was der Autor aus dieser Idee macht, ist wirklich überzeugend! Der erste Teil war hervorragend geplottet und es gab einige Plottwists, die ich nicht vorhergesehen habe, die aber im Nachhinein perfekt gepasst haben. Jetzt lese ich Teil 2 und bin gespannt, wie es weitergeht!

Bewertung: ++++ – Vier von fünf Punkten

Das waren meine gelesenen Bücher in den letzten drei Monaten. Kennt ihr welche davon? Was war euer Lesehighlight in letzter Zeit? Ich freue mich über Kommentare!

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3 Kommentare

  1. nouseforislam sagt:

    War Jesus schwarz? Als Bewohner der Region des heutigen Israel sah er arabisch aus, war also mit den Europäern verwandet. Und weil das Christentum eben von Europäern dominiert wurde, wurde er eben immer heller. Die Araber stellen Mohammed ja auch nicht als Schwarzen da.

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    1. Sunita sagt:

      Genau, nach der Forschung sah Jesus ungefähr so aus wie die Menschen im heutigen Irak. Er war also nicht schwarz, aber auch nicht weiss. Er wird wegen dem Einfluss der europäischen Kirche aber meist weiss dargestellt, obwohl die Mehrheit der christlichen Menschen heute nicht weiss sind. (Es gibt ja auch grosse christliche Gemeinden u.a. in Afrika und Südostasien.)

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      1. nouseforislam sagt:

        Wobei den christlichen Gemeinden in Afrika wohl klar ist, dass Jesus nicht schwarz war. Die machen sich wohl eher Gedanken darüber, warum ihre Leben im Westen weniger zählen als die toter schwarzer Krimineller in den USA. Was mich nervt, ist diese erbärmliche Heuchelei, die überall betrieben wird. Und wenn diese noch mit moralischer Überheblichkeit betrieben wird, ist es noch abstossender. Ich bin kein religiöser Mensch, aber ungeachtet dessen erwarte ich von den religiösen Führern, aber auch Politikern, Ehrlichkeit. Bei unserer Kirche ist die schon lange verloren. Wer so gnadenlos dem Zeitgeist huldigt, geht unter.

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