Kapital: Einblick in das Thema aus Capitalist Realism von Marc Fisher und dem Magazin agora42

Im letzten Herbst habe ich mich länger mit dem Thema Kapital beschäftigt. Das ist für mich nicht unbedingt etwas Neues, soziale Ungleichheit ist sowas wie mein Lebensthema und ich habe Staatswissenschaften studiert und hatte dabei auch Einführungen in die Volkswirtschaftslehre, aber ich bin über zwei neue Quellen gestoßen: Das Buch Capitalist Realism von Marc Fisher und die Ausgabe des Magazins agora42 zum Thema Kapital. Die Einblicke, die ich davon erhalten habe und die ich sehr hilfreich finde, um unsere (Wirtschafts-)Welt besser zu verstehen, möchte ich im Folgenden mit euch teilen.

Was ist Kapital?

Was Kapital eigentlich bedeutet, bringt Ulrike Herrmann in ihrem Beitrag in agora42 gut auf den Punkt: Kapital ist nicht Geld. Sondern Kapital ist alles, was dazu da ist, Kapital zu vermehren. Das kann Geld sein, es können Produktionsmittel sein oder auch eine Wohnung, die vermietet wird. Das Kapital dreht sich um sich selbst.

Kapitalismus, das Wirtschaftssystem, das auf Kapital beruht, hat dann noch viele weitere Aspekte. Dafür müssen wir uns mehr mit Adam Smith, dem homo oeconomicus und der Geschichte der Marktwirtschaft auseinandersetzen. Aber das möchte ich in einem zukünftigen Blogpost machen. Ich habe das zwar alles irgendwann mal im Studium gelernt, aber ich muss mein Wissen auffrischen und es gibt eine Arte-Doku zum Thema, die ich noch schauen möchte.

Was macht Kapital mit der Arbeitswelt?

Alle Beiträge in agora42 stehen dem Kapital sehr kritisch gegenüber – und das zurecht. In ihrem Artikel über Privateigentum zeigt Sabine Nuss, wie der Kapitalismus die ursprüngliche Idee des Eigentums ausgehebelt hat. Denn der alte Eigentumsbegriff nach John Locke besagt, dass Eigentum auf Arbeit beruht, dass Eigentum an Land z.B. dadurch gerechtfertigt wird, dass dieses Land bearbeitet wird. (Ich habe meine Masterarbeit über Eigentum geschrieben, also falls euch das mehr interessiert, kann ich zu dem Thema auch mal gerne einen Blogpost verfassen.)

Im Kapitalismus aber, so Sabine Nuss, wird den Arbeiter*innen das Recht auf Eigentum am Produkt der Arbeit abgesprochen und stattdessen wird die Arbeit selbst zur Ware. Der Arbeitskraft wird in vielen Fällen nur noch gerade so viel gezahlt, damit die Arbeitskraft erhalten bleibt, also damit die Arbeiter*innen überleben. Doch diese Dimension von Eigentum wird oft vergessen. Viele sehen nur den rechtlichen Aspekt (den Vertrag zwischen Arbeitergeber*in und Arbeitnehmer*in) und lassen den ökologischen Aspekt (das Herrschaftsverhältnis) außen vor. Das Kapital wird im Kapitalismus außerdem durch die Politik gesichert, denn die Steuern, die dadurch gezahlt werden, sind eine wichtige Geldquelle.

Einen interessanten Blickwinkel bietet in agora42 Mia Smettman, die über Care-Arbeit schreibt. Denn das Arbeitsmodell des Kapitalismus lässt Care-Arbeit außen vor, die schlecht oder oft gar nicht bezahlt ist, die aber wie nichts anderes unsere Gesellschaft zusammenhält. Bei uns in Deutschland wird Care-Arbeit oft von Frauen mit Migrationshintergrund geleistet und Mia Smettman schreibt dazu:

„Sie (die Migrantinnen) baden die Lücken eines Wirtschaftssystems aus, welches auf Profitmaximierung statt auf soziale Sicherheit und Teilhabe setzt.“

Mia Smettman

Die globale Ungleichheit

Den Siegeszug hatte das Kapital laut Ulrike Herrmann mit der Industrialisierung in England im 18. Jahrhundert. Die Reallöhne waren damals in England sehr hoch, deshalb lohnte es sich, Maschinen statt Menschen in der Arbeitswelt einzusetzen. Was folgte, war ein enormer technischer Fortschritt und die weltweite Verbreitung des angeblichen Erfolgsmodells Kapitalismus.

Ulrike Herrmann hält fest, dass der globale Süden heute dem Deutschland des 19. Jahrhunderts entspricht. Die technische Ungleichheit zwischen dem globalen Norden und Süden ist laut ihr 60:1. Gleichzeitig wird der Süden zum Freihandel gezwungen. Das Problem ist, dass die Arbeitskräfte im Süden billig sind. Es lohnt sich nicht, stattdessen auf Maschinen zu setzen, deshalb bleibt die „Erfolgsstory“ dort aus. Ulrike Herrmann schreibt:

„Der globale Süden ist also in einem Teufelskreis gefangen: Die Löhne sind so niedrig, dass es sich nicht lohnt, in Technik zu investieren und die Produktivität zu erhöhen. Aber weil die Produktivität nicht steigt, bleiben die Länder arm und die Löhne niedrig.“

Ulrike Herrmann

So landen wir bei einer extremen globalen Ungleichheit: Laut Frank Ruda in agora42 besitzt 1% der Weltbevölkerung 46% des Kapitals, während 50% gar kein Kapital besitzt.

Capitalist Realism

Kommen wir zu dem Buch von Marc Fisher, der den Begriff Capitalist Realism prägt. Darunter versteht er, dass der Kapitalismus für uns so selbstverständlich ist, dass wir uns eine Welt ohne Kapitalismus gar nicht mehr vorstellen können. Er beschreibt einen gewissen Zynismus: Wir kennen die großen sozialen Probleme, wir wissen, dass die Reichen und Mächtigen korrupt sind, wir verstehen sogar, wieso der Kapitalismus, wie wir ihn haben, nicht funktioniert – aber was soll mensch schon tun? So ist das eben. Anstatt etwas in der Realität zu ändern, können wir uns immerhin in anti-kapitalistische Popkultur fliehen. Das Buch Capitalist Realism ist schon ein bisschen älter (es gibt es kostenlos online als PDF) und ich kannte viele der Popkultur-Referenzen, die er nennt, nicht, aber ich dachte da z.B. an den Megaerfolg von Squidgame auf Netflix. Außerdem können wir uns der Fantasie hingeben, dass wir die Weltprobleme lösen können, indem wir die richtigen Produkte kaufen.

Wie geht es weiter?

Also, was jetzt? Was können wir tun? Gibt es eine Alternative? Die eine Lösung gibt es – wie so oft – leider nicht. Aber die verschiedenen Autor*innen geben uns ein paar Ideen mit auf den Weg:

  • Joseph Vogt weist im Interview mit agora42 darauf hin, dass eine Abkehr vom Kapitalismus keine Abkehr von Demokratie bedeutet, denn gerade der Finanzmarkt ist überhaupt nicht demokratisch reguliert. Ein Weg könnte also vielleicht mehr Demokratie sein.
  • Marc Fisher stellt innerhalb des Kapitalismus Alternativen zum neoliberalen Finanzkapitalismus vor, nämlich vor allem die Sozialdemokratie.
  • Sabine Nuss weist in ihrem Beitrag darauf hin, dass wir Arbeiternehmer*innen die große Mehrheit sind und dass Macht bei der Mehrheit liegt. Wenn jemand etwas ändern kann, dann wir.
  • Und Stefan Merz stellt in der agora42 das Konzept der commons vor, Allgemeingüter wie Nahrungsmittel, Wissen, Kultur und Pflege, die gemäß der Bedürfnisse verteilt werden und nur solange in jemandes Besitz sind, wie sie gebraucht werden. Mia Smettan schreibt in einem ähnlichen Ansatz:

„Wirtschaft sollte für die Erfüllung existentieller menschlicher Bedürfnisse und für ein gutes Leben für alle sorgen.“

Mia Smettman

Zuletzt möchte ich hier in einem längeren Zitat noch Marc Fisher sprechen lassen, der die Chancen der Linken herausstellt (ich habe Stellen nachträglich fett hervorgehoben):

„It is crucial that a genuinely revitalized left confidently occupy the new political terrain that I have (very provisionally) sketched here. Nothing is inherently political; politization requires a political agent which can transform the taken-for-granted into the up-for-grabs. If neoliberalism triumphed by incorporating the desires of the post 68 working class, a new left could begin by building on the desires which neoliberalism has generated but which it has ben unable to satisfy. For example, the left should argue that it can deliver what neoliberalism signally failed to do: a massive reduction of bureaucracy. What is needed is a new struggle over work and who controls it; an assertion of worker autonomy (as opposed to control by management) together with a reception of certain kinds of labour (such as the excessive auditing which has become so centric feature of work in post-Fordism). This is a struggle that can be won – but only if a new political subject coalesces; it is an open question as to wether the old structures (such as the trade unions) will be capable of nurturing that subjectivity, or wether it will entail the formation of wholly new political organizations.”

Marc Fisher

Macht ihr euch Gedanken zu unserem Wirtschaftssystem und seinen Folgen? Ich freue mich über einen Austausch in den Kommentaren!

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2 Kommentare

  1. Mai Quynh sagt:

    Unser Wirtschaftssystem begegnet mir sehr häufig auf die eine oder andere Art. Entweder durch meine eigene Lohnarbeit oder wenn ich Situationen anderer gezeigt bekomme und als Ursache am Ende doch wieder beim Kapitalismus lande. Die Folgen sind sehr sichtbar, aber mir fehlt bisher mein persönlicher Ansatz, dem entgegenzuwirken. Daher finde ich den Post von dir und die Einführung in das Thema interessant, eben vor allem, weil auch ein paar Lösungsansätze vorgestellt werden. Ich würde mich freuen, wenn du hin und wieder was auf deinem Blog zu dem Thema schreibst!

    Gefällt 1 Person

    1. Sunita sagt:

      Vielen lieben Dank für die Rückmeldung! Ich hab den Kommentar erst jetzt gesehen, weil mich der Arbeitsalltag in letzter Zeit wieder eingeschränkt hat (die Ironie ;)). Aber ich freue mich, dass du das Thema auch wichtig findest und werde weiter dran bleiben – besonders die Frage, was können wir selbst tun, finde ich gut!

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