Wenn Literatur gut, aber problematisch ist: Meine Lese-Erfahrungen mit Dune

Die letzten Wochen über habe ich Dune von Frank Herbert gelesen. Ich hatte zuvor die neue Verfilmung gesehen und ehrlich gesagt mochte ich den Film nicht besonders. Aber ich habe vermutet, dass da mehr dahintersteckt und da eine Bekannte einen Buddyread vorgeschlagen hat, habe ich mich gerne hereingestürzt. Ich wurde einerseits positiv überrascht, denn das Buch ist meiner Meinung nach viel, viel besser als der Film. Andererseits gab es immer wieder so Stellen, Begriffe und Darstellungen, die mir übel aufgestoßen sind.

Für alle, die Dune nicht kennen: Das Buch (Teil 1 einer langen Reihe) ist aus den 60er Jahren und erzählt von dem Wüstenplanet Arrakis, auf dem eine neue Herrscherfamilie eintrifft, in royale Streitigkeiten verstrickt wird und sich gleichzeitig mit den harschen Umweltbedingungen und der indigenen Bevölkerung auseinandersetzen muss.

Doch das ist wirklich nur der Anfang der Geschichte. Es steckt noch viel mehr in Dune, auf das ich im Folgenden eingehen möchte, deshalb an dieser Stelle eine große SPOILER WARNUNG.

Das Patriarchat

Angefangen hat es mit den furchtbar patriarchalen Strukturen. Es gibt einen Duke, dessen Konkubine Jessica ihm unterworfen ist. Ich weiß, das ist in Büchern, die so altmodische royale Strukturen darstellen, nicht unüblich, was übrigens einer der Gründe ist, wieso ich mit Mittelalter-High Fantasy nichts anfangen kann. Aber Dune ist nicht Mittelalter-High Fantasy. Es ist Science Fiction und spielt Tausende Jahre in der Zukunft. Ich hoffe doch sehr, dass wir bis dahin das Patriarchat schon lange überwunden haben. Leider herrschen diese patriarchalen Strukturen nicht nur in der High Society in Dune, sondern auch bei den Indigenen, bei denen die Frau eines im Zweikampf verstorbenen Mannes an den Sieger über diesen Mann geht, etw. als Ehefrau oder als Bedienstete. Furchtbar, das war für mich schon kaum erträglich.

Andererseits gibt es in Dune eine starke Frauengemeinschaft, nämlich die Bene Gesserit, die besondere mentale Kräfte haben, in allen Herrscherfamilien vertreten sind und die Geschehnisse im Hintergrund lenken und kontrollieren. Die Bene Gesserit sind an sich schon ziemlich cool. Aber mich stören drei Dinge an ihrer Darstellung:

  1. Sie werden durchgängig von männlichen Figuren (selbst den Helden) abfällig als Hexen bezeichnet, sie werden als Erste dem Verrat und Betrug bezichtigt und überhaupt werden sie dargestellt wie die bösen Hexen, die heimlich alles nach ihren Wünschen lenken mit ihren unnatürlichen Kräften. Die bösen Frauen, denen Mann nicht trauen kann. Die weiblichen Verschwörerinnen.
  2. Dann wäre da dieser komplette Messias-Mythos. Das ultimative Ziel, auf das die Bene Gesserit warten, ist die Erlösung durch einen Retter, der ein Mann sein muss. Aha. Die starken Frauen brauchen also letztlich doch wieder einen Mann, der sie rettet. Ich bin diese Story so leid.
  3. Ach ja, und der ganze Bene Gesserit Masterplan basiert auf Eugenetik, aber dazu später mehr.

Auch die Darstellung der Frauen in dem Buch lässt zu Wünschen übrig, vor allem die von Chani, einer der Eingeborenen, die sich – kaum kommt sie mit dem Helden zusammen – super unterwürfig verhält und deren Aussehen unzählige Male als „elfenhaft“ beschrieben wird. Sowas kann auch nur ein Mann geschrieben haben.

White Saviorism

Kommen wir mal auf den Helden von Dune zu sprechen: Paul. Ich mochte Paul eigentlich sehr. Er ist ein arroganter Anführer, an manchen Stellen ein ziemliches Arschloch, aber er wird in eine unmögliche Situation geschmissen und er kämpft sich durch und versucht trotz allem, das Richtige zu tun und zu seinen eigenen Werten zu stehen, anstatt sich an die Erwartungen anderer anzupassen.

Nur ist Pauls Rolle leider super-problematisch. Nicht nur ist er der männliche Erretter für die Bene Gesserit Frauen, er ist auch der weiße Erretter für die indigene Bevölkerung auf Arrakis, die Fremen.

Dune ist eine Geschichte des Kolonialismus, denn es geht um privilegierte Menschen aus der Fremde, die auf diesen Wüstenplanet kommen, um die wertvolle Ressource Spice abzubauen. (Die ganze Geschichte um das Spice – eine Droge – ist wirklich genial konzipiert, aber wenn ich jetzt auch noch darüber schreibe, würde dieser Blogpost nie enden.) Die offensichtlichen Parallelen zum Kolonialismus und der Ausbeutung der Erde gehören meiner Meinung nach zu den stärksten Aspekten von Dune.

Wäre da nicht diese White Savior Geschichte. Nachdem ich das Buch gestern fertiggelesen habe, habe ich noch bis spät in der Nacht Artikel dazu gelesen. Paul kommt als Fremder in dieses Land und er macht es sich dann zur Aufgabe, bzw. es wird von außen zu seiner Aufgabe gemacht, die Fremden ins Boot zu holen und sie anzuführen. Die Wege der Fremen sind brutal und barbarisch und Paul setzt diesen Riten teilweise ein Ende. Was für seine Figurenentwicklung eine tolle Storyline ist, aber es stellt die Fremen als die Wilden dar, die von ihrem weißen Erretter gezähmt und zivilisiert werden müssen. Ähnlich wie die Kolonialisten die Einheimischen sahen. Es hilft auch nicht, dass der Autor fast nur Perspektiven der Kolonialisten einnimmt.

Laut den Artikeln, die ich gelesen habe, können die Folgebände stärker als Kritik des White Saviorism gelesen werden, denn Pauls Führerschaft bringt Krieg und Tod – aber es gibt auch Rezensent*innen, die dem widersprechen. In einem Artikel habe ich gelesen, dass die Fremen in dem Buch nur die Auswahl haben, Paul zu folgen oder in einem blutigen Krieg, dem Jihad, zu verfallen, was wohl letztlich sowieso passiert.

Cultural Appropriation

Ja, ihr habt richtig gelesen: der Jihad. Der heilige Krieg, der seit 9/11 uns allen ein Begriff ist. In den 60ern hatte der Begriff vielleicht noch nicht so eine schwere Bedeutung wie heute, aber ich hätte mich fast verschluckt, als ich ihn das erste Mal in Dune gelesen habe. Ich hatte einen Post von just.melui auf Instagram gelesen, dass Dune arabische Kultur approbiert, aber bis zu dem Punkt, an dem ich da gelesen hatte, konnte ich das noch nicht sehen. Und dann kam der Jihad, der ab da an immer wieder und wieder von Paul angesprochen wird. Es werden in Dune arabische, Farsi und türkische Begriffe verwendet. Die Fremen sollen sich an den Beduinen orientieren und der Autor hat selbst gesagt, dass der Islam eine große Inspiration für ihn war.

Ich finde es nicht per se schlimm, wenn ein nicht-muslimischer, nicht-arabischer Autor arabische Kultur und muslimische Religion in seinem Buch aufgreift. Die Frage ist nur, wie er es macht. Dune ist eine Geschichte über den arabischen Islam, die nur weiße Protagonist*innen hat und auch noch in diese östliche Kultur einen Mythos über einen Messias, der sie erlösen soll, platziert. Das finde ich schon echt grenzwertig. Für mich fühlte es sich streckenweise wie eine christliche Erlösergeschichte an und/oder die alte Story des Westens, die den Osten zivilisieren muss.

Eugenetik

Zu allem Überfluss basiert Pauls Erlöserkraft dann auch noch auf einer viele Generationen übergreifenden Züchtung von Menschen, die gezielt „Bloodlines“ kombiniert, um diesen einen Über-Mann mit besonderen mentalen Fähigkeiten hervorzubringen. Mensch könnte argumentieren, dass die Eugenetik hier kritisiert wird. Es klappt, diesen tollen Typ zu züchten, aber letztlich können die Züchterinnen (die Bene Gesserit) ihn nicht kontrollieren und Paul geht seinen eigenen Weg.

All das Gute an Dune

All diese Aspekte sind mir während dem Lesen aufgefallen, aber ich habe mich erst nach dem Lesen weiter dazu informiert. Ich habe Dune alles in allem gern gelesen – denn trotz all den problematischen Punkten hat es auch viele gute Seiten. Ich bin nicht hier, um zu sagen, Frank Herbert wäre ein schlechter Autor. Ganz im Gegenteil: Die Darstellung der mentalen Fähigkeiten von Paul und seiner Mutter Jessica – vor allem eine außergewöhnlich gute Beobachtungsgabe – war fantastisch! Dieser Autor kann Figuren beschreiben, wie ich es noch nie zuvor gelesen habe. Das Buch regt zum Nachdenken über den Kolonialismus und die Ausbeutung der Erde an. Und die Wirtschaft, die um das Spice herum konstruiert wird, ist ein einmaliges, faszinierendes Konzept. Es gab Momente, an denen ich überrascht wurde und es genossen habe. Es gab Sätze, die ich gleich nochmal gelesen habe, weil sie so gut geschrieben waren.

Darf mensch problematische Literatur mögen?

Dune ist gute Literatur. Aber es ist eben auch problematisch. Nun kann mensch sagen, nun ja, das Buch ist halt aus den 60ern, es ist ein Produkt seiner Zeit, genauso wie der Mann, der es geschrieben hat. Das stimmt. Aber wir, die es heute lesen, sind schon weiter. Deshalb finde ich, ist es unsere Aufgabe, die problematischen Aspekte von Dune zu erkennen und es beim Namen zu nennen: den Sexismus und Rassismus.

Dune ist nicht das einzige problematische Buch, das ich mag. Mein absolutes Lieblingsbuch On the Road von Jack Kerouac -, das ich schon fünf oder sechs Mal gelesen habe, hat ein furchtbares Frauenbild. Und dann wäre da J. K. Rowlings Transphobie, die Autorin der Harry Potter Reihe, die so viele von uns (mich eingeschlossen) lieben, weil sie unsere Kindheit und Jugend bestimmt hat. Ich hatte mal ein Seminar über Literatur und Ethik, in dem wir u.a. auch über Lolita gesprochen haben, ein angeblich hervorragend geschriebenes Buch (ich habe es nie gelesen), das aus der Sicht eines Pädophilen geschrieben ist. Es gibt sicher noch sehr viel mehr Beispiele. Nur weil ein*e Autor*in gut Geschichten erzählen kann, heißt das nicht, dass diese Geschichten die Welt besser machen und es heißt auch nicht, dass sie oder er nicht rassistisch oder sexistisch oder diskriminierend ist.

Wie geht ihr damit um? Habt ihr Dune gelesen und wie war eure Leseerfahrung? Ich bin sehr gespannt auf eure Gedanken zu diesem Thema und hoffe, dass wir uns dazu in den Kommentaren austauschen können.

Hintergrundartikel zu Dune:

Frank Herbert’s Dune novels were heavily influenced by Middle Eastern, Islamic cultures, says scholar. Interview mit Ali Karjoo-Ravary

Maybe Dune, a Story about a White Superman Created by a Eugenics Program, is Not the Film We Need Right Now. By Paul B. Sturtevant

Erasing Arabs from Dune By Khaldoun Khelil (über den Film)

‚Dune‘ appropriates Islamic, Middle Eastern tropes without real inclusion, critics say. By Sakshi Venkatraman

The Gender Politics of ‘Dune’ Keep It From Being Truly Ahead of Its Time. By Rohitha Naraharisetty

What Dune Reveals about Reproductive Control and Eugenics. By Andrew J. Mongue, Caitlin E. McDonough-Goldstein

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8 Kommentare

  1. Ach, spannend. :) Alle oben erwähnten Punkten sind mir auch sauer aufgestoßen. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob das Aufgreifen sovieler anderer Kulturen (es gibt auch deutsche und chinesische Begriffe wenn ich mich recht erinnere, ist schon wieder ein Jahr her, dass ich es gelesen habe) als Cultural Appropriation verstehen kann.

    Früher bin ich oft in das Muster verfallen, dass Autor*innen für mich „gestorben“ sind, wenn sie rassistisches Gedankengut verbreiten. Charles Dickens hat beispielsweise ein großes Problem mit der Darstellung jüdischen Glaubens und der Anhänger*innen der Religion. Das ging dann früher soweit, dass ich auch die Werke der Autor*innen nicht mehr gelesen habe, keine Filme mit Schauspieler*in xyz geschaut habe usw.
    Inzwischen denke ich darüber anders. Auch das gehört ja zu Auseinandersetzung. Wichtig ist mMn dann im Nachgang so darüber zu sprechen wie du. Ganz im Stile von „Das war gut, weil … und das war schlecht, weil …“.

    Was ich an dem Buch echt gut fand ist, dass der Held nicht der Held sein will und mit seinem eigenen Schicksal hadert. Was ich an dem Buch echt schlecht fand ist das schleppende Erzähltempo, das durch die haufenweise welteigenen Begriffe nicht besser wird. Was mich immens gestört hat ist der auch von dir oben angesprochene Patriarchalismus. Für ein so modernes World Building, dass seine Visionen sogar bis über die technische Revolution und Revolte hinaus gedacht hat, hätte ich mir was besseres erwartet als Frauen wieder zu Ränkeschmieder*innen und unterwürfigen Frauchen zu machen.

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  2. Nico aus dem Buchwinkel sagt:

    Hey Sunita,

    ich habe deinen Beitrag ganz gespannt gelesen, weil Dune – gerade nach dem Kinofilm, der mir gut gefallen hat – ziemlich weit oben auf meiner Leseliste steht und ich eine schöne englische illustrierte Prachtausgabe hier stehen habe.
    Aber all die problematischen Aspekte, die du so schön herausgearbeitet hast, haben in mir durchaus einen Reflex ausgelöst, das Buch einfach ungelesen wegzugeben. Ich habe mich gerade noch nicht entschieden, ob ich den Band lesen möchte oder meine Zeit lieber mit progressiverer Literatur verbringe.
    Von Harry Potter habe ich mich ehrlicherweise komplett verabschiedet, obwohl er großen Einfluss auf meine Jugend hatte und der Halbblutprinz das erste Buch war, das ich auf Englisch gelesen habe, weil ich nicht bis zur deutschen Veröffentlichung warten konnte. Zum einen natürlich weil Rowling eine TERF ist, zum anderen aber, weil auch Harry Potter problematische sexistische, rassistische und antisemitische Tropes enthält, die mir damals beim Lesen nicht aufgefallen sind. Will ich nichts mehr mit zu tun haben und auch nicht unterstützen.

    Gruß,
    Nico

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    1. Sunita sagt:

      Na ja, wenn du das Buch schon hast … ich fande die Beschäftigung mit dem Buch für mich persönlich schon hilfreich. Aber ich verstehe auch, wenn du dann sagst, ich widme meine Zeit dann lieber weniger problematischer Literatur. Das ist so eine Abwägungssache.
      Was sind denn die sexistischen und rassistischen Aspekte bei Harry Potter deiner Meinung nach? Die antisemitischen jann ich schon bei den Goblins erkennen. In letzter Zeit fällt mir leider auch bei aktueller Literatur und Serien immer wieder eine ähnliche Präsentation von Juden auf und auch immer mehr Stories bauen auf jüdische Weltverschwörungen – wirklich verstörend.
      LG Sunita

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      1. Hey Sunita,
        ich habe da in der Vergangenheit einiges zu gelesen und habe gerade mal im Internet gesucht. Wenn du „Harry Potter Racism“ eingibst, kommen einige Artikel, die die Bücher beleuchten, zum Beispiel dieser hier: https://www.scoopwhoop.com/entertainment/harry-potter-books-movies-are-problematic/

        Ich weiß nicht, wie gut der recherchiert ist, aber vielleicht reicht er zum Einlesen?

        Liebe Grüße,
        Nico

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  3. Just.Melui sagt:

    Wow! Was für eine geniale, reflektierte und detaillierte Buchbesprechung! Ich fühle mich durch deinen Post so gut informiert und gleichzeitig animiert, mir ein eigenes Bild zu machen! Danke auch fürs Erwähnen ❤️

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    1. Sunita sagt:

      Danke für dein Feedback und das Teilen – und deinen Input, der meine Überlegungen zu Dune erst angestossen hat :) Falls du es noch liest oder schaust (wobei der neue Film nur die Hälfte des Buchs umfasst, manche Aspekte kommen da noch nicht vor), bin ich gespannt auf deine Erfahrung!

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