Warum ich als Buchhändlerin aufgehört habe

Bis letzten Sommer war ich Buchhändlerin in einer Großstadt-Filiale einer großen Buchhandelskette. Ich wurde Buchhändlerin, weil ich Bücher liebe, weil ich gerne mit Menschen arbeite und weil ich von dem Alltag als Buchhändlerin auf einem Blog, nämlich Lesen in vollen Zügen, erfahren habe und mir dachte: Das wäre doch auch was für mich, womit ich vollkommen richtig lag. Trotzdem habe ich letzten Sommer gekündigt und ich möchte euch von den Gründen dafür erzählen, denn ich denke, sie sagen viel über die Missstände in der Buchhandelsbranche und generell im Einzelhandel aus.

Am Job an sich lag es nicht

Zu allererst: Am Job an sich lag es nicht, denn den mochte ich sehr. Bücher hübsch arrangieren, fürs Sortiment bestellen und vor allem den ganzen lieben Tag lang über Bücher reden – es war mein Traumjob. Ganz besonders habe ich die vielen tollen Unterhaltungen über Bücher mit meinen Kolleginnen und den Kund*innen geliebt und ich vermisse sie wirklich sehr. Buchhändlerin ist ein wunderbarer Job, denn Bücher machen Menschen glücklich und sie können die Weltsicht von Leuten verändern und eine Rolle darin zu spielen, dass diese Bücher die richtigen Menschen erreichen, ist einfach wunderbar. Nichts geht über das Gefühl, einer Kundin oder einem Kunden ein Buch zu empfehlen und ein paar Wochen später kommt die Person wieder, um sich zu bedanken und zu erzählen, wie viel ihr das Buch bedeutet hat.

Die Arbeitsbedingungen

Aber trotz der Freude an Büchern und dem Reden über diese ist die Arbeit im Einzelhandel auch hart. Den ganzen Tag lang ist mensch auf den Beinen, kümmert sich um Kund*innen, schleppt Ware durch die Gegend. Es ein physisch schlauchender Job. Buchhändler*innen arbeiten in Schichten und da ich einen langen Arbeitsweg hatte, bedeutete das für mich, das es vorkam, dass ich bis 20 Uhr arbeitete, um 22 Uhr zu Hause war und am nächsten Morgen um 7 Uhr schon wieder losfahren musste, um den Laden um 9 Uhr aufzuschließen. Viel Freizeit bleibt da nicht. Trotzdem habe ich das alles gerne hingenommen, weil mir die Arbeit Spaß gemacht hat.

Die Pandemie hat die Arbeit weiter erschwert. Jetzt mussten wir zusätzlich auf Abstandsregeln achten und waren hauptsächlich damit beschäftigt, Leuten zu sagen, dass sie bitte ihre Maske aufziehen müssen. Wir mussten uns mit Querdenkern rumschlagen und generell hatte ich das Gefühl, dass alle etwas gestresster drauf waren als zuvor. Die schönsten Parts der Arbeit, die langen Beratungsgespräche mit den Kund*innen, waren nur noch begrenzt möglich. An dem Punkt kam mir der Gedanke, dass es an der Zeit ist, den Job zu wechseln.

Dass ich nicht für immer Buchhändlerin sein kann, egal wie sehr ich es möchte, war mir aber schon lange vorher klar. Spätestens als ich mal aus dem Urlaub kam und zwei Kolleginnen hatten in meiner Abwesenheit gekündigt, wusste ich, dass ich ihnen irgendwann folgen muss. Es kamen und gingen ständig Kolleginnen, was nicht gerade die Moral im Laden gefördert hat. Ich denke, der Grund, wieso so viele gekündigt haben, war derselbe wie mein Hauptgrund, wieso ich als Buchhändlerin aufgehört habe.

Die Bezahlung

Der Hauptgrund ist: Der Lohn als Buchhändlerin ist miserabel. Zumindest war das in meinem Laden so, aber ich glaube auch in anderen Buchläden oder generell im Einzelhandel ist es nicht anders. Selbst als ich zur stellvertretenden Filialleiterin befördert wurde, bekam ich nur minimal mehr. Der Lohn reicht einfach nicht zum Leben. Eine Wohnung in der Stadt kann mensch sich davon sicher nicht leisten, weshalb die meisten von uns außerhalb gelebt haben, aber dann kommen noch die teuren Bahntickets dazu, die die Firma nicht mal teilweise erstattete. Ein Buchhändlerin-Gehalt geht eigentlich nur, wenn mensch – wie viele von uns Kolleginnen – einen Ehepartner hat, der sie finanziell unterstützt. Eine Familie zu gründen mit so einem mickrigen Gehalt ist schlicht unmöglich. Deshalb war mir immer klar, dass Buchhändlerin kein Job ist, den ich langfristig machen kann. Deshalb kündigten vor allem junge Kolleginnen so häufig und ich kann es ihnen nicht verübeln.

Ich finde die Bezahlung als Buchhändlerin unverschämt. Wir Mitarbeiterinnen im Geschäft sind diejenigen, die die Bücher verkaufen, die Stammkund*innen gewinnen, die Bücher empfehlen und ohne die es keinen Buchhandel gäbe. Ja, immer wieder kam das Argument auf, dass es dem stationären Buchhandel einfach grundsätzlich nicht gut geht, weil immer mehr Leute im Internet ihre Bücher bestellen. Das stimmt sicher. Trotzdem denke ich, das Gehalt der Buchhändler*innen sollte der letzte Punkt sein, an dem mensch spart. Wenn ich gesehen habe, was die Buchhandelskette zum Beispiel für Werbemittel und Aktionen ausgegeben hat, konnte ich nur den Kopf schütteln darüber, dass für sowas Geld da ist, aber nicht für ein Gehalt, von dem mensch leben kann.

Hinzu kam, dass es keine Möglichkeit gab, etwas gegen diese Ungerechtigkeit zu tun. Es gab keinen Betriebsrat und die Entscheider*innen in der Zentrale bekamen wir nie zu Gesicht. Die direkten Vorgesetzten konnten nichts für die Bezahlung und waren genauso wie wir nur machtlose Figuren im System. Es hat mich frustriert. Ich kann mich gut daran erinnern, als ich Gier von Marc Elsberg las, in dem es um Ungleichheit ging, und mich im mittellosen Protagonisten wiederfand. Zu allem Überfluss lag unser Laden auch noch in der schicksten und reichsten Gegend der Stadt, direkt neben einem Luxuskaufhaus und einer der teuersten Automobilmarken der Welt. Die Kundschaft hatte Geld. Wenn Kund*innen Bündel von Hundertern zückten, machte ich große Augen, denn solch große Scheine kannte ich nur von der Kassenabrechnung einmal die Woche. Der Reichtum der Klientel in der Gegend war gut für den Laden, denn sie kauften viele teure Bücher, aber deprimierend für das Personal. Nichts gegen die Kund*innen. Die große Mehrheit war ausgesprochen nett. Auch gaben sie uns manchmal Trinkgeld oder brachten kleine Geschenke vorbei. Aber trotzdem konnte ich mich nicht davon abhalten, den Wohlhabendsten unter ihnen regelmäßig Bücher wie Gier zu empfehlen als klitzekleiner Versuch, etwas zu ändern.

Ich hoffe sehr, dass sich etwas ändern wird am Lohn im Buchhandel, aber ich denke, nach der Pandemie wird es vermutlich nur noch schlimmer werden. Das ist traurig, denn Buchhändlerin ist ein schöner Job, aber wenn mensch vom Lohn nicht leben kann, dann wird es immer weniger Menschen geben, die diesen Job machen wollen und können. Dann wird der stationäre Buchhandel vielleicht wirklich aussterben und wir werden alle nur noch Bücher übers Internet bestellen.

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4 Kommentare

  1. Uff, das klingt hart. Ich habe schon mal von einer Buchhändlerin ähnliches gehört und es blutet einem als Literaturfan einfach das Herz, dass die Branche so ist wie sie ist … ich hoffe dass du einen anderen Job gefunden hast in dem du dich wohl fühlst und auch die harten Fakten stimmen. Den Job zu wechseln stelle ich mir mitten in der Pandemie auch nicht einfach vor …

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    1. Danke, ich habe zum Glück einen anderen Job im Verlag gefunden, der Spaß macht und auch gute Arbeitsbedingungen hat :) Ich habe tatsächlich in dem Sinne von der Pandemie profitiert, weil ich sonst gar nicht so bewusst Ausschau nach einen anderen Job gehalten hätte und diesen auch gerade wegen meinen Erfahrungen im Buchhandel bekommen habe. Aber ich vermisse auch die Arbeit im Buchladen und fühle natürlich auch mit den Kolleginnen, die immer noch für miese Löhne und wie ich höre mittlerweile unter noch stressigeren Umständen arbeiten müssen.

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  2. Hi,
    ich hoffe du findest für dich oder hast es schon gefunden, eine neue Aufgaben, die dich ebenfalls von Herzen begeistert.
    Ich glaube viele Büchermenschen träumen von Jobs mit Büchern. Gleichzeitig schrecken viele die Arbeitsbedingungen und das Gehalt ab. Letztlich ist es auch egal welche Branche. Jeder Mensch, sollte in seinem Job (Prämisse zumindest Vollzeit) genug fürs Leben verdienen und von anderen finanziell abhängig zu sein. Auch hierbei geht es um Würde. Egal ob Studium oder Ausbildung, die Jahre des Lernens und der Weiterbildung, müssen anerkannt und entsprechend honoriert werden.
    Wo fängt mensch hier an? Ich mag die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens sehr. Es gibt allen ein Stück Würde zurück und jede:r kann einen Job suchen (unabhängig von der Bezahlung), der einem am Herzen liegt.
    Viele Grüße
    Jenny

    Gefällt 1 Person

    1. Da stimme ich dir völlig zu! Ich mag auch die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens und habe auch schon überlegt, mich damit für einen Blogpost mal genauer auseinander zu setzen. Ich denke, dass es uns allen besser tun würde und auch dass es finanzierbar ist, den einzigen Zweifel den ich habe, ist ob essentielle Berufe wie Erntehelfer, Lebensmittelhersteller, etc. dann noch jemand machen will und ob wir wirklich schon technisch fortgeschritten genug sind, um das zur Not komplett zu automatisieren. Kennst du dich damit aus?

      Ich habe zum Glück einen Beruf in einem Verlag gefunden, der mir Spaß macht und bei dem die Arbeitsbedingungen super sind :)

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