Buchbesprechung: Brave New World von Aldous Huxley

Achtung: Diese Buchbesprechung enthält Spoiler

Deutscher Titel: Schöne Neue Welt | Genre: Dystopie | Erscheinungsjahr: 1932 | Taschenbuch: 259 Seiten | Verlag: Harper |Originalsprache: Englisch | ISBN: 978-0060850524

Kurzinhalt

Brave New World erzählt von einer Zukunft, die von Reglementierung und Konditionierung geprägt ist und von ein paar Figuren, die aus der Reihe fallen und ihre Gesellschaft in Frage stellen.

Eigene Meinung

Mittlerweile gibt es auf meinem Blog nur noch wenige Rezensionen von einzelnen Büchern. Da muss mich ein Werk schon ziemlich vom Hocker reißen, um ihm einen eigenen Post zu widmen. Bei Brave New World war das der Fall – wenn auch nicht gerade vor Begeisterung, sondern eher, weil das Buch mich extrem zum Nachdenken angeregt hat und mir einfach nicht mehr aus dem Kopf geht.

Mein Mann hat mir letztens seine alte Schulausgabe mitgebracht und ich habe es zum ersten Mal im Leben gelesen – und wow, was für ein Erlebnis das war! Ich musste ständig innehalten und über das Gelesene grübeln, das Buch ist total dicht erzählt, da stecken so viele Themen drin – im Prinzip könnte ich über jeden Satz einen eigenen Blogpost verfassen. Stattdessen möchte ich euch hier die wichtigsten Themen in Brave New World vorstellen und mir anschauen, wie sie dargestellt werden, was ich davon halte und was sie heute noch für eine Rolle spielen.

Massenproduktion

Das offensichtlichste Thema, dass Leser*innen direkt im ersten Kapitel anspringt, ist die Massenproduktion. Denn in der Welt von Brave New World wird alles massenproduziert: Waren, aber auch Menschen. Menschen werden künstlich befruchtet und genetisch manipuliert, um genau die Menschen zu erschaffen, die die Gesellschaft braucht.

Zuerst bin ich darüber gestolpert, dass der Oberheld dieser Welt, der den Anstoß für diese Zukunft gegeben hat, Henry Ford heißt. Da klingelte bei mir was: Der echte Henry Ford ist nicht nur der Begründer der Ford Automarke, sondern hat 1913 als Erster das Fließband eingesetzt und damit die Massenproduktion von Autos erschaffen. Ford war also Huxleys Zeitgenosse. Und er kommt in Brave New World nicht gerade gut weg. Die Geschichte spielt viele Generationen nach Ford, doch dieser stellt den entscheidenden Wandel da. Sogar die Zeitrechnung wurde mit ihm neu gestartet, die Figuren in dem Buch zählen ihre Jahre A.F., also After Ford. Er ist quasi der Ursprung des Übels, denn man muss nicht viel interpretieren, um Aldous Huxleys Aussage zu erkennen: Ford hat die Massenproduktion erschaffen und damit die Welt revolutioniert. Immer mehr wird massenproduziert werden, zuletzt sogar wir Menschen.

Konsumgesellschaft

Damit zusammenhängend spielt auch der Konsum in Brave New World eine große Rolle. Von klein auf wird den Menschen eingebläut, dass man nichts reparieren soll, sondern lieber immer wieder Neues kaufen. Sportarten werden nur genehmigt, wenn sie möglichst viel Ausrüstung brauchen, die gekauft werden muss. Die komplette Gesellschaftsordnung hat zum Ziel, den Konsum zu erhalten und zu steigern, denn – so wird es in dem Buch beschrieben – wenn die Konsummaschine stehen bleibt, dann bricht alles zusammen.

Das war für mich ein sehr interessanter Aspekt. Denn einerseits ist diese Darstellung nicht so weit von der Realität entfernt. Konsum bestimmt unser Leben. Wir arbeiten, um zu konsumieren, und konsumieren, um die Wirtschaft zu erhalten. Werbung ist überall, man kann ihr nicht entkommen. Permanent werden wir dazu aufgefordert, alles Mögliche zu kaufen, das wir überhaupt nicht brauchen. Wenn das so weiter geht, sind wir vielleicht gar nicht mehr so weit von Huxleys dystopischer Gesellschaft entfernt.

Andererseits hat die Pandemie unsere Erfahrung gerade geändert. Denn obwohl wir natürlich immer noch online konsumieren, waren die Geschäfte in den Städten monatelang geschlossen. Und wir werden die Folgen sicher noch bitter merken, wenn sie reihenweise bankrottgehen werden oder aber gerettet werden, wofür Schulden aufgenommen oder Steuern eingezogen werden müssen. Aber: Die Zivilisation ist nicht zusammengebrochen – obwohl zumindest der Vor-Ort-Konsum für einige Monate stillgestanden hat. Also vielleicht wird es doch nicht so schlimm kommen, wie Aldous Huxley prophezeite.

Konditionierung

Ein ganz zentraler Aspekt von Brave New World ist, dass die Menschen durchweg konditioniert werden. Schon in der Erstehung werden sie so gemischt, dass sie für ganz bestimmte Aufgaben geschaffen werden. Als Kinder werden sie dann so erzogen, dass sie auch nur diese Aufgabe machen wollen und natürlich so, dass sie möglichst viel konsumieren. Dafür wird ihnen jede Nacht Propaganda ins Ohr gespielt, die von ihrem Unterbewusstsein aufgenommen wird. Klar, das ist Science Fiction, aber um ehrlich zu sein, funktioniert die Werbeindustrie gar nicht so anders. Diese Propagandasprüche erinnern schon stark an Slogans und die häufige und auch oft gar nicht bewusst wahrgenommene Wiederholung ist eins der Basismittel der Werbung.

Doch Brave New World geht natürlich viel weiter, denn es werden nicht nur Werbebotschaften den Menschen eingespielt, sondern auch Werte und Weltsichten, Dinge, die bestimmen, was für Menschen sie sind. Die Menschen haben keine eigenen Persönlichkeiten mehr, sondern sind nur Produkte ihrer Konditionierung. Sie sind nur Produkte.

Promiskuität

Was mir nicht gefallen hat an Brave New World war die Verurteilung von Promiskuität. Ich weiß, das ist ein altmodisches Wort, aber das ist nun mal ein altmodisches Buch und so wird es dort bezeichnet. In Brave New World werden die Menschen so konditioniert, dass sie keine Emotionen haben und sich dementsprechend auch nicht verlieben, nicht heiraten, keine Familien gründen. Aber es wird von ihnen erwartet, dass sie Sex haben – viel und alle miteinander. Das Buch wird da teils ziemlich plastisch, da werden zum Beispiel regelrechte Orgien gefeiert, deshalb überrascht es mich auch, dass das Schullektüre ist.

Aber dadurch wird Promiskuität als nur ein weiteres übles Symptom dieser dystopischen Welt dargestellt. Als würde direkt alles zugrunde gehen, wenn Menschen ihrer Lust folgen und mit vielen Leuten schlafen. Das hat mich zeitweise echt angekotzt. Was ist so schlimm daran, seine Sexualität auszuleben? Aber gut, das Buch wurde immerhin in dem 1930er Jahren geschrieben, da dachten vermutlich viele noch so engstirnig wie Aldous Huxley.

Die Barbarengesellschaft

Der Wendepunkt in Brave New World setzt ein, wenn der Protagonist eine sogenannte „Savage Reservation“ besucht. Das wird lange angekündigt und ich hatte eigentlich erwartet, dass in dieser Reservation die Menschen so leben wie wir eben mit Emotionen und Streits, aber auch mit Liebe und wahrer Freude. Ich dachte, der Protagonist, der sowieso nicht so konditioniert ist wie andere, weil angeblich zu viel Alkohol in seine Embryo-Mischung geschüttet wurde, merkt dort, dass diese unsere echte Welt schöner ist als seine diktatorische Gesellschaft, und bleibt vielleicht dort. Aber es kommt anders.

Denn die Reservation wird extrem barbarisch dargestellt. Es gibt Opferrituale und Schlangenanbetung. Die Leute dort sind dreckig und voller Krankheiten. Sie erinnern auch an amerikanische Ureinwohner, eine Darstellung, die heute sicher nicht mehr als politcal correct durchgehen würde. Diese andere Welt wird also auch stark kritisiert, was mich frustriert hat, denn was will der Autor denn nun? Einen Kompromiss bietet er auch nicht.

Fuck Shakespeare

Es gäbe sicher einen jugendfreundlicheren Titel für dieses Thema, aber das ist genau das, was ich beim Lesen des letzten Drittels dachte. In der Savage Reservation findet der Protagonist einen jungen Mann, der eigentlich von der Zivilisation abstammt, aber in der Reservation geboren und aufgewachsen ist – sie nennen ihn einfach „Savage“ – und bringt ihn mit zurück in seine Welt. Dieser Mann hat im Gegensatz der anderen Barbaren lesen gelernt und zwar mithilfe von alten Shakespeare Büchern, die er gefunden hat und die ihn enorm beeinflusst haben.

Als er eine Frau kennenlernt, die – wie dort so üblich – was mit ihm anfangen will, bezeichnet er sie als Hure und verteufelt sie, weil er von Shakespeare gelernt hat, dass Promiskuität eine Sünde ist. Auf den ersten Blick scheint der Savage der gedanklich Freie zu sein, weil er nicht konditioniert wurde und nicht in der Diktatur aufgewachsen ist, aber eigentlich wurde er doch auch konditioniert nämlich von seinen Büchern. Was ein interessanter Punkt ist, wie ich finde: Wir werden alle konditioniert – klar, von unseren Eltern und Lehrer*innen, aber auch von den Büchern, die wir lesen (siehe mein Post dazu HIER), zum Beispiel, den Büchern die wir in der Schule lesen. Ich habe mich erst letztens darüber unterhalten, dass in der Schule auch Bücher gelesen werden, die Leid und sogar Suizid glorifizieren (wie Die Leiden den jungen Werther) und vor allem immer dieselben uralten Bücher, die eine uralte Moral vermitteln, mal ganz davon abgesehen, dass sie (zumindest bei mir in der Schule) ausnahmslos alle von Männern geschrieben wurden (aber das ist ein Thema für einen anderen Post). Konditionierung gibt es nicht nur in der Science Fiction, sondern es ist etwas, das wir selbst erleben und dem wir uns nicht entziehen können, wenn wir in einer Zivilisation leben.

Ich denke, es ist schon mal ein guter Schritt, sich dessen bewusst zu sein. Da hat mir Brave New World die Augen geöffnet und mir gezeigt, wie wichtig es ist, bewusst zu wählen, welche Medien ich konsumiere und auch meine eigenen Gedanken zuzulassen. Vielleicht war für Aldous Huxley ja Shakespeare ein Beispiel, wie die Konditionierung wünschenswerte moralische Vorstellungen erzeugt, aber da würde ich nicht zustimmen. Ich verstehe völlig, was Shakespeare für das Geschichtenerzählen erreicht hat und dafür bin ich dankbar. Aber persönlich konnte ich mit Shakespeare nie viel anfangen und ich finde die Reaktion des Savages in Brave New World erklärt ziemlich gut, wieso.

Kunst muss unangenehm sein

In der Welt von Brave New World gibt es auch Kultur, nämlich sogenannte „Feelies“, sowas wie Pornokinos, in der man kitschige und heiße Filme sieht und die Sensationen über den Sitz übertragen bekommt. Ehrlich gesagt, finde ich, das klingt ziemlich spaßig. Aber die Feelies sollen die Menschen halt bloß befriedigen und beschäftigen, damit sie nicht anfangen nachzudenken.

Hier habe ich eine Parallele zu purer Unterhaltungsliteratur gesehen. Ich mag Unterhaltungsliteratur und finde, sie hat sowas von ihre Berechtigung. Aber ich habe auch gemerkt, dass ich mich gerne in diese fliehe. Dabei ist die Kunst bzw. Literatur, die wirklich etwas in mir bewirkt, solche, die mich zum Nachdenken anregt und vielleicht sogar ein bisschen mein Weltbild erschüttert – so wie Brave New World. Ich fand es alles andere als angenehm, das Buch zu lesen, aber ich denke, genau deshalb ist es so wichtig.

Glück

Im Prinzip sind in Brave New World alle glücklich. Sie erfüllen ihre Aufgaben, konsumieren, haben Sex, kennen keine Emotionen, kein Leid, keinen Kummer. „Glück“ ist vielleicht das falsche Wort, aber immerhin sind sie zufrieden. Und was will man mehr? Die Antwort, die der Savage in dem Buch gibt, ist: Er will leben – wirklich am Leben sein. Wahres Glück, auch wenn es mit Leid einhergeht. Das fand ich letztlich eine schöne Message, die zeigt, dass Leid zum Leben dazugehört. Denn dieses zufriedene, konditionierte Dasein, dass die Menschen in Brave New World haben – ist das überhaupt wirklich Leben? Trotzdem denke ich nicht, wie der Savage (dank Shakespeare), dass Glück nur was wert ist, wenn es mit großen Verlusten erkauft wurde oder dass das Leben nur erfolgreich ist, wenn man irgendwelche großen Tragödien durchstehen muss. Aber ich verstehe den Grundgedanken und finde ihn eigentlich irgendwie tröstlich.

Deshalb möchte ich mit meiner Lieblingsstelle zu diesem Thema aus Brave New World enden:

Bewertung

++++ – Vier von fünf Punkten

Habt ihr Brave New World gelesen? Ich würde mich sehr freuen, mit euch darüber zu sprechen, denn es steckt noch so viel mehr in diesem Buch und ich glaube, zusammen können wir es besser verstehen. Deshalb lasst mir bitte eure Gedanken zu Brave New World in den Kommentaren.

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8 Kommentare

  1. Hi!

    Ich bin mir grade nicht sicher, ob ich das Buch schonmal in der Hand hatte – ich hab mal gegoogelt und das deutsche Cover kommt mir sehr bekannt vor. Wenn ich mich nicht täusche, hab ich es abgebrochen ^^ Muss aber schon eine Weile her sein…
    Nach deiner Rezi interessiert es mich jetzt aber doch :D

    Vieles was du beschreibst finde ich allerdings sehr wohl aktuell und in der heutigen Zeit genauso wie du es dargestellt hast. Wir werden auf Konsum konditioniert und grade die Wegwerf Gesellschaft ist leider sehr spürbar.

    Ich glaub ich werde mir das mal auf die Wunschliste packen.

    Liebste Grüße, Aleshanee

    Gefällt 1 Person

    1. Freut mich, dass mein Post dein Interesse für das Buch wiedererwecken konnte. :) Ja, bei dem Konsumthema fand ich es auch fast gruselig, wie realistisch das noch immer ist, bzw. heute noch viel mehr als damals, denke ich. Ich weiß nicht mehr, ob du Qualityland gelesen hast, aber ich finde das geht in eine ähnliche Richtung (wenn auch moderner dargestellt).

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      1. In „Qualityland“ hab ich reingelesen, da kam ich mit dem Stil aber leider überhaupt nicht klar ;)

        Naja, Wirtschaftswachstum ist ja komplett auf Konsum ausgelegt und wenn ich mir überlege, dass der Herd meiner Oma oder die Waschmaschine 30 Jahre gehalten hat und man heutzutage froh sein kann, wenn sie fünf Jahre überstehen … ständig neue Handys rauskommen und die meisten jedes Jahr ein neues möchten usw. … also da ist die Wegwerfgesellschaft ja schon sehr groß geschrieben.
        Und auch die Werbung prägt uns, die Slogans brennen sich ja permanent ein – ein Grund, warum ich schon seit Jahren kein Fernsehen mehr schaue :)

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      2. Fernsehen schaue ich auch schon nicht mehr, seit ich vor 12 Jahren von meinen Eltern ausgezogen bin. Aber Netflix halt, finde das Konzept von Fernsehn, dass wir zur bestimmten Zeit was Bestimmtes schauen sollen, eh überholt. Aber stimmt schon, Werbung auf Social Media oder Podcast ist auch viel. Und bei Handys rege ich mich auch immer auf, dass mensch iwann gar nichts mehr mit einem alten Handy machen kann, weil es keine Softwareupdates mehr gibt und so bringen die uns dazu ein neues zu kaufen. Hatte ewig ein Iphone 3, aber weil die Software so veraltet war, haben keine Apps funktioniert, was ja dann auch iwie witzlos ist.

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