Antisemitismus verstehen und bekämpfen

Schon in der Schule lernt man ja über den historischen Antisemitismus im Dritten Reich. Ich erinnere mich noch gut daran, denn wir hatten einen super Geschichtslehrer, der immer die Parallelen zur Gegenwart gezogen hat. Trotzdem war mir damals völlig schleierhaft, wie es überhaupt so weit hatte kommen können. Wieso gerade die Juden und Jüdinnen? Im Studium haben wir dann im Rahmen von Politischer Theorie Seminaren tatsächlich Mein Kampf gelesen, doch auch dort war die Begründung, wieso gerade diese Gruppe, sehr dürftig: Nach etlichen Seiten über die sozialen Missstände allgemein, kommt plötzlich: „Und wer steckt dahinter? Der Jude.“ Total aus der Luft gegriffen und völlig ohne Zusammenhang oder Sinn. Erst als ich mich für eine Hausarbeit mit Israel auseinandergesetzt habe, habe ich die historischen Zusammenhänge etwas besser verstanden.

Klar ist aber leider: Antisemitismus ist nicht nur eine historische Erscheinung, sondern es gibt ihn immer noch häufig und überall, auch hier bei uns. Heutige Menschen sind davon betroffen, deutsche Bürger*innen und natürlich auch Leute aus anderen Staaten. Menschen leiden darunter, sie werden bedroht deswegen, sie werden verletzt und manchmal sogar ermordet. Antisemitismus ist real und ich finde es persönlich sehr wichtig, ihn zu bekämpfen.

Was ist Antisemitismus und wo kommt er her?

Klar, wir haben alle eine Vorstellung davon, was Antisemitismus bedeutet: die Diskriminierung und Verfolgung, der Hass auf Juden und Jüdinnen. Doch es gibt heutzutage verschiedene Ausprägungen des Antisemitismus. Die Bundeszentrale für politische Bildung definiert drei Arten:

  1. Der klassische Antisemitismus: antijüdische Stereotype und antisemitische Verschwörungsmythen
  2. Der sekundäre Antisemitismus: Vorwürfe, dass jüdische Menschen eine Mitschuld am Holocaust tragen oder davon profitieren, Forderung, die Aufarbeitung des Holocaust zu beenden
  3. Der Israel-Antisemitismus: sie sagen „Israel“, meinen aber die Juden und Jüdinnen, sie vergleichen die Situation in Palästina mit der Verfolgung der Juden und Jüdinnen im Dritten Reich

Manche argumentieren, dass es noch eine vierte Kategorie gibt, nämlich den muslimischen Antisemitismus. Sie sagen, dass dieser seit 2015, als die Anzahl der Geflüchteten in Deutschland stark zunahm, hierzulande stärker ist, sie nennen es „den importierten Antisemitismus“. Es gibt religiöse und politische Gründe, weshalb arabische Muslime antisemitische Ansichten haben können und sicher trifft das auch in manchen Fällen zu. Aber hier muss man sehr vorsichtig sein, denn ich habe häufig beobachtet, wie Menschen, die gegen Antisemitismus kämpfen, mit dieser Argumentation muslimische Menschen unter einen Generalverdacht stellen und damit den Rassismus stärken.

Laut Angaben des Mediendienst Integration gaben in einer sogenannten „Mitte-Studie“ 2019 6 Prozent der Befragten klassisch antisemitische Antworten und 25% israelbezogen antisemitische Antworten. Weiter gab es in dem Jahr 2032 antisemitische Straftaten, davon waren 93% rechtsextremistisch motiviert, 3% basierten aus einer ausländischen Ideologie und 1% auf einer religiösen Ideologie. In einer Studie des Instituts für Interdisziplinare Konflikt- und Gewaltforschung allerdings gaben 81% der jüdischen Studienteilnehmer*innen an, von muslimischen Leuten angegriffen worden zu sein und 61% von ihnen beleidigt worden zu sein. Aber als ich das genauer recherchiert habe, bin ich auf ein Interview mit dem Soziologen Andreas Hövermann gestoßen, der eben diese Studie durchgeführt hat, der betont hat, dass diese Prozentzahlen sich ausschließlich auf diejenigen Befragten beziehen, die überhaupt angegeben haben, dass sie antisemitische Straftaten erlebt haben, d.h. von diesen 16 Personen (3% der Befragten) sind die 81% 13 Personen. Also nicht gerade ein signifikantes Ergebnis. Mit solchen Umfragen muss man immer vorsichtig sein. Ich denke, dass muslimischer Antisemitismus nicht ignoriert werden darf, aber er darf auch nicht als der einzig bedrohliche dargestellt werden. Davon abgesehen ist er in den drei Arten des Antisemitismus eigentlich schon mit drin, sowohl im klassischen als auch im israelbezogenen Antisemitismus.

Und dann gäbe es da noch den Online-Antisemitismus. Die absolut menschenverachtenden Kommentare, die man online finden kann, sind echt unfassbar. Auch über die Bundeszentrale für politische Bildung bin ich auf einen interessanten Artikel gestoßen über Milton Klein, ein US-amerikanischer Neonazi, der schon 1995 einen Leitfaden erstellt hat, wie man möglichst geschickt Antisemitismus im Internet verbreitet. Ich habe mir diesen Leitfaden durchgelesen und es ist erschreckend: sich vage ausdrücken, nur Andeutungen machen, um nicht zensiert zu werden oder gemäßigte Menschen zu vertreiben, sie dann aber in privaten Nachrichten indoktrinieren, Pseudonyme verwenden u.v.m., das heute noch so gemacht wird, hat er sich damals schon ausgedacht.

Aber trotzdem bleibt die Frage: Warum gerade die Juden und Jüdinnen? Gut fand ich dazu das Video „Warum die Juden so gehasst werden“ von Mr. Wissen To Go, in dem er zeigt, wie uralt der Judenhass ist und wie er sich entwickelt hat. Wenn ihr bei einem bestimmten Aspekt ansetzen wollt, dann lest euch einfach mal den Wikipedia-Artikel zum Zinsverbot durch. Eine der häufigsten antijüdischen Stereotype ist der reiche, gierige Händler bzw. die Geldleiherin. Viele jüdische Bürger*innen waren in der Geschichte Geldleiher*innen und wurden wohlhabend dadurch, was den Neid der sonstigen Menschen auf sie gerichtet hat und den Judenhass geschürt hat. Gerne wird das so dargestellt, als wären jüdischen Menschen aus reiner Habgier „Banker“ geworden, dabei ist genau das Gegenteil der Fall: Sie hatten keine andere Wahl. Sehr lange wurde es Christen und Christinnen von religiösen und weltlichen Führern untersagt, Zinsen zu erheben. Auch im Islam gab es zeitweise ähnliche Vorgaben. Jüdischen Menschen auf der anderen Seite war im Mittelalter und Spätmittelalter verboten, eine ganze Reihe von Berufen auszuüben, z-B. durften sie kein Handwerk betreiben oder Grundbesitz haben. Was blieb, war der Handel, insbesondere der Geldverleih, weil Menschen Kredite aufnehmen wollten und mussten, Christen ihnen aber keine gaben, da sie keinen Zins nehmen durften. So entwickelte es sich, dass die meisten Geldverleiher*innen jüdischer Abstammung waren. Das bedeutet aber nicht, dass alle Juden und Jüdinnen diesen Beruf innehatten, im Gegenteil war die große Mehrheit sehr arm. Aber so hat es begonnen und Jahrhunderte später erinnern sich nur noch wenige an diese gezwungene Entwicklung, aber das Bild des geizigen Geldjuden hält sich noch immer.

Denn auch heute gibt es noch viel zu viel Antisemitismus. Ich habe einige Monate lang Meldungen zu antisemitischen Vorfällen gesammelt und es waren unglaublich viele. Von Beleidigungen über Holocaustleugnungen bis hin zu blanker Gewalt ist alles dabei. Jüdische Menschen in Deutschland sind nicht sicher, das sieht man u.a. an dem Angriff auf eine Synagoge in Halle 2019. Jüdische Gemeinden engagieren häufig private Sicherheitsdienste, um überhaupt ihre religiösen Feste feiern zu können, weil sie vom deutschen Staat nicht ausreichend geschützt werden. Außerdem trauen sich viele nicht, sich als Jude oder Jüdin zu erkennen zu geben, z.B. durch eine Kippa, weil sie Angst vor Angriffen haben.

Der Querdenker-Antisemitismus

Im letzten Jahr hat der Antisemitismus in Deutschland eine neue Form entwickelt, nämlich auf den Querdenker-Demos. Viele Demonstrant*innen tragen Judensterne mit der Aufschrift „Ungeimpft“ und argumentieren, dass sie als Menschen, die sich nicht gegen das Coronavirus impfen lassen wollen, ähnlich verfolgt werden wie Juden und Jüdinnen im Dritten Reich. Was natürlich absolut falsch ist. Querdenker werden nicht verfolgt oder in KZs gesperrt oder hingerichtet. Sie werden kritisiert, weil sie den Schutz anderer gefährden, nicht wegen ihrer Religion oder Ethnie. Letztens habe ich sogar Querdenker gesehen, die weiße Armbinden tragen so wie die NS-Anhänger*innen damals. Das ist sowas von makaber und es schockt mich ehrlich abgrundtief. Und es macht mir Angst.

Außerdem sind unter den Querdenkern bekanntlich auch viele Verschwörungstheoreriker*innen und in vielen dieser Theorien von weltweiten Verschwörungen spielen jüdische Figuren eine wichtige Rolle, nämlich mal wieder die des gierigen Geldjuden, der die Welt für seinen Profit kontrolliert.

Streitfall Israel

Okay, kommen wir zu einem noch komplizierteren Thema: Israel. Israel beschäftigt mich persönlich schon seit Jahren. Ich war schon lange fasziniert von dem Konzept Israel und habe mich für eine Hausarbeit ausführlich mit der Geschichte Israels auseinandergesetzt.

Die Grenze zum Antisemitismus ist hier oft zumindest für mich nicht ganz klar. Denn Kritik an der israelischen Regierung ist völlig legitim. Besonders bezüglicher der Blockade von Gaza ist Kritik meiner Meinung nach auch angebracht. Aber es gibt eine Grenze, nur wo genau liegt die? Es gibt die sogenannte 3D-Theorie von Natan Sharansky, die drei Merkmale definiert, bei denen Israelkritik antisemitisch wird:

  1. D1 = Demonization: Wenn Israel als abgrundtief böse gezeichnet wird, nämlich so böse wir das Dritte Reich bzw. die Schoah (der Holocaust)
  2. D2 = Double Standard: Wenn Israel für Handlungen kritisiert wird, die bei anderen Ländern akzeptiert werden
  3. D3 = Deligitamization: Wenn Israel das Existenzrecht abgesprochen wird

Ich denke, man darf bei dieser Diskussion nicht vergessen, dass Israel und Palästina im Krieg sind. Beide Seiten machen schlimme Dinge und diese Dinge darf man kritisieren. Aber ich stimme insbesondere bei dem Punkt D3 völlig zu. Israel hat ein Recht zu existieren. Manche zeichnen es gerne so, als wäre Palästina dieses friedliche Land gewesen und dann kam aus dem Nichts das Volk Israel und hat es ihnen unrechtmäßig entzogen. Ich lese immer wieder, dass es vor 1949 kein Israel gab. Was nicht stimmt. Israel ist uralt. Es gab schon mehrere Israels und sehr häufig wurde das Land von fremden Mächten besetzt oder sogar komplett aufgelöst. Wer glaubt, dass Israel eine neue Idee ist, muss nur mal ein Geschichtsbuch lesen – oder das Alte Testament. 1949 wurde Israel von westlichen Mächten legitimiert, weil die jüdische Bevölkerung nach dem Holocaust zurecht den Wunsch hatte, ein eigenes Land zu haben und nicht irgendeines, sondern ihres. Aber auch in der Moderne vor 1949 lebten schon jüdische Menschen auf israelischen Boden, nämlich in Kibbuzen, in denen sie zuvor brach liegendes Land fruchtbar gemacht haben. Israelkritik endet, wenn Israel das Existenzrecht abgesprochen wird, wenn die israelische Regierung mit dem Nazi-Regime gleichgesetzt wird und meiner Meinung nach auch, wenn Israel komplett boykottiert werden soll wie von der BDS-Bewegung (Boycott, Divestment and Sanctions). Denn das bedeutet, dass die Bevölkerung dadurch verarmt und hungert und zwar nicht nur jüdische Menschen, sondern auch die vielen arabischen Menschen, die als israelische Staatsbürger*innen dort leben.

Was können wir gegen Antisemitismus tun?

Hier sind ein paar Ideen, wie wir in unserem Alltag Antisemitismus bekämpfen können:

  • Uns bilden, das ist immer der erste Schritt: nicht nur zu Antisemitismus, sondern auch zur jüdischen Geschichte und Kultur
  • Jüdische Menschen kennenlernen und ins Gespräch kommen (wer keine persönlichen Kontakte hat, kann z.B. auch entsprechenden Facebookgruppen beitreten)
  • Wenn uns antisemitische Vorfälle und Aussagen unterkommen (mag es im eigenen Bekanntenkreis sein oder in den Medien) diese als solche benennen und ihnen deutlich widersprechen
  • Öffentlichkeit schaffen: auf das Thema aufmerksam machen und die jüdischen Menschen nicht damit alleine lassen

Quellen und Ressourcen

Wenn ihr euch nun näher mit dem Thema auseinandersetzen möchte, habe ich hier für euch jede Menge Ressourcen, mit denen ihr beginnen könnt:

  • Karolin Schwarz: Antisemitismus, die extreme Rechte und antisemitischer Terror im Netz, bpb: Link
  • Mirjam Fischer: Antisemitismus bei Muslimen, bpb: Link
  • Mediendienst Integration: Link
  • Interview mit Andreas Hövermann vom Mediendienst Integration: Link
  • Das können Sie gegen Antisemitismus tun, Amadeo Antonio Stiftung: Link
  • Natan Sharansky: Antisemitism in 3D: Link
  • Mr. Wissen To Go: Warum Juden so gehasst werden: Link
  • Antisemitismus: Wie gefährlich ist es für Juden in Deutschland, PULS Reportage: Link
  • Beate Küpper und Andreas Zick: Antisemitische Einstellungsmuster in der Mitte der Gesellschaft, bpb: Link
  • Nichts-gegen-Juden.de: Link
  • Zinsverbot, Wikipedia: Link
  • Ausgewählt und ausgegrenzt: Der Hass auf Juden in Europa, Arte Doku: Link
  • Lesung und Gespräch mit Ronen Steinke bei Spiegelbild.wiesbaden: Link
  • Buch von Ronen Steinke: Terror gegen Juden
  • Buch von Sigmund Gottlieb: Stoppt den Judenhass!
  • Buch von Alexandra Pontzen und Alex Stähler: Das Gelobte Land. Erez Israel von der Antike bis zur Gegenwart
  • Buch von Angelika Schrobsdorff: Jerusalem war immer eine schwere Adresse
  • Projekt Jeder Vierte: Link
  • Die Hassmaschine, BR, WDR, NDR: Link

Beschäftigt ihr euch mit dem Thema Antisemitismus und was glaubt ihr, können wir am besten dagegen tun? Lasst mir gerne eure Gedanken in den Kommentaren oder auch auf Instagram (AnyaSunita). Ich freue mich, wenn wir darüber ins Gespräch kommen!

ACHTUNG! INFOS ZU DEN KOMMENTAREN, UM DER DSGVO GERECHT ZU WERDEN: Durch das Abschicken eines Kommentars erklärt ihr euch mit der Speicherung eurer Daten einverstanden. Um Missbrauch zu vermeiden sowie den Überblick über Kommentare zu behalten, werden Name, E-Mail, IP-Adresse, Zeitstempel und Inhalt des Kommentars gespeichert. Weitere Informationen findet ihr in der Datenschutzerklärung.

2 Kommentare

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.