Wirtschaftsspecial: Gier von Marc Elsberg, GRM von Sibylle Berg und Alles könnte anders sein von Harald Welzer

Ich weiß, ich weiß: Wirtschaft ist ein trockenes Thema. Glaubt mir, ich kann mir auch Spannenderes vorstellen, als über Wirtschaftstheorien zu brüten. Aber es ist nun mal auch ein extrem wichtiges Thema, immerhin bestimmt die Wirtschaft unsere Welt und beeinflusst unser Leben durch und durch. In letzter Zeit ist mir durch meine alltäglichen Beobachtungen, die Nachrichten, Podcasts und Bücher immer wieder bewusst geworden, dass die Wirtschaftswelt einen erheblichen Einfluss auf unser Leben hat und zwar nicht immer den besten. Deshalb möchte ich euch im Folgenden drei Bücher vorstellen, die sich mit der Wirtschaft beschäftigen und analysieren, was wir von ihnen lernen können.

SPOILER WARNUNG: Komplett ohne Spoiler geht dieser Post einfach nicht, immerhin muss ich euch verraten, worum es in diesen Büchern geht, auch wenn dies teilweise erst nach vielen hundert Seiten offenbart wird. Deshalb seid ihr hiermit gewarnt: Dieser Post wird Spoiler für alle drei Bücher (Gier, GRM und Alles könnte anders sein) enthalten. Ich werde die Spoiler im Text kennzeichnen, sodass ihr die entsprechenden Stellen überspringen könnt, wenn ihr wollt.

Gier von Marc Elsberg

Die Ungleichheit war schon immer ein Thema, das mich beschäftigt hat, doch in den letzten Jahren war ich so damit beschäftigt, mein eigenes, halbwegs angenehmes Erwachsenenleben aufzubauen, dass ich es aus den Augen verloren habe. Gier war das Buch, dass mich wachgerüttelt hat und mir wieder die Augen geöffnet hat für die Ungleichheit in unserer Gesellschaft. In Gier gerät der Pfleger in Ausbildung Jan in ein Verbrechen, wodurch er in die Welt der superreichen Wirtschaftsbosse stolpert und erkennen muss, zu was die Reichen und Mächtigen der Welt alles bereit sind, wenn ihre Macht bedroht ist.

Jan ist ein einfacher Pfleger. Er verdient nicht viel Geld, doch immerhin weiß er, was er mit seinem Leben machen will. Er hat ein gutes Herz und ist zu Beginn völlig unwissend über die Machenschaften, die die Wirtschaft lenken. Wie ich als Leser weiß er herzlich wenig über Wirtschaftstheorien, weshalb die Leser all dies gemeinsam mit Jan lernen. Ich konnte mich voll und ganz mit Jan identifizieren. Als einfacherer Arbeiter ist es schwer, den Überblick in der Wirtschaft zu bewahren und teilweise ist es für uns unverstellbar, was da so alles abgeht.

Im Laufe des Buchs wird klar, dass das Verbrechen, mit dem die Geschichte beginnt, etwas mit einer neuen Wirtschaftstheorie zu tun hat, die die Reichen um jeden Preis verheimlichen wollen. Und diese Theorie lautet folgendermaßen:

[ACHTUNG SPOILER]

Wettbewerb verspricht nicht den größten Nutzen im Kapitalismus, wie bisher immer angenommen wurde. Kooperation verspricht einen größeren Nutzen. Das klingt vielleicht erst einmal banal, ist aber eine absolut revolutionäre Theorie. Und Marc Elsberg hat sie sich nicht einfach aus den Fingern gesogen, sondern stützt sich dabei auf eine Studie des London Mathematical Laboratory. Er erklärt die Theorie mit der sogenannten Bauernfabel, die sie so weit herunterbricht, dass sogar Jan und ich sie verstehen können. Auf der Homepage zum Buch gibt es Hintergrundinfos zu der Theorie sowie Links zu der Studie und einer Seite, auf der man die Bauernfabel sogar selbst ausprobieren kann. Das beweist, dass es sich bei Gier nicht nur um einen Thriller handelt, sondern um einen Vorschlag für ein alternatives Wirtschaftssystem, das wir dringend brauchen.

[SPOILER ENDE]

GRM von Sibylle Berg

GRM oder „Grime“, wie man es ausspricht, ist ja ein ziemliches Phänomen. Überall höre ich von dem Buch und es ist permanent vergriffen. Das zeigt, dass es eine Nachfrage nach Büchern gibt, die unsere Welt ehrlich in all ihrer Hässlichkeit zeigen. Denn genau das tut GRM. Es erzähl von Groß Britannien, welches von Gewalt, Hass, Verbrechen und Hoffnungslosigkeit gekennzeichnet ist. Darin leben vier Kinder in Rochester, einer Stadt für arme Sozialhilfeempfänger, und müssen unaussprechliche Grausamkeiten durchleben. GRM ist wirklich ein hartes Buch und ich finde, dass unsere Welt darin zu schlecht wegkommt. Es gibt auch Gutes! Trotzdem macht das Buch überdeutlich auf die Missstände in unserer Gesellschaft aufmerksam, vor allem die Ungleichheit.

GRM erzählt von den Verlierern in der westlichen Welt. Von den Kindern, die am Rande der Gesellschaft geboren werden und bereits absolut chancenlos auf die Welt kommen. Das ist ja die große Ungerechtigkeit: Das manche Leute einfach keine Chance haben, um ihr Leben zu verbessern. Die Protagonisten in GRM erleben von Anfang an nichts als Gewalt und Notstand. Das ist alles, was sie kennen und die einzige Sprache, die sie sprechen. Die „bessere Hälfte“ der Gesellschaft könnte sich nicht weniger um diese Verlierer kümmern und selbst das Sozialsystem versagt immer wieder. Hass erzeugt Hass, Gewalt erzeugt Gewalt. Der Mensch ist das Produkt seiner Umstände und Opfer werden zu Tätern. Das ist das Bild, das Sibylle Berg zeichnet. Es ist nicht schön, aber ein Funken Wahrheit steckt vielleicht trotzdem darin. GRM zeigt deutlich, dass selbst in unserer westlichen Welt, in der es uns doch eigentlich gut geht, Menschen leben, die nichts davon abbekommen. Auch hier gibt es Armut und Gewaltspiralen. Wie viel schlimmer das in der Dritten Welt aussehen muss, wir nicht einmal erwähnt.

Im Gegensatz zu Gier, das sich vom Anfang bis zum Ende um das Versprechen einer alternativen, besseren Welt dreht, gibt es in GRM keine Gegenvorschläge, zumindest keine, die funktionieren. Eine Idee wird immerhin angerissen und auch weitergedacht:

[ACHTUNG SPOILER]

Nach ein paar hundert Seiten voller Hoffnungslosigkeit kommt es schließlich zu einer Veränderung in der Welt von GRM: Das Grundeinkommen wird eingeführt. Die Bedingung ist allerdings, dass die Menschen sich dafür registrieren lassen müssen, einen Chip eingepflanzt bekommen und permanent überwacht werden. Weil sie sich jetzt nicht mehr durch ihre Arbeit definieren müssen, gibt es ein neues Punktesystem, das „gutes“ Verhalten belohnt und „Fehlverhalten“ bestraft. So entsteht eine neue Ungleichheit, denn diejenigen, die nicht mitspielen, rutschen schnell wieder in die Armut ab. Trotzdem macht die große Mehrheit mit, denn immerhin lockt das Grundeinkommen, also Geld, dass sie angeblich für Nichts bekommen, und was wollen Menschen schon mehr als Geld? So zumindest stellt es Sibylle Berg dar. Die Menschheit in GRM (oder zumindest der größte Teil davon) ist absolut stumpf und antriebslos, sie lässt alles geschehen und kommt nicht einmal auf die Idee, sich zu beschweren. Ich denke, die Autorin will uns Leser damit aufrütteln, aufzuwachen und uns zu engagieren. Und obwohl ich das Buch nicht wirklich mochte, hat sie das bei mir zumindest in einem gewissen Sinne geschafft. Sie zeigt, wie auch eigentlich gute Ideen alles nur noch schlechter machen können. Was sie allerdings nicht liefert, ist ein wahrer Weg aus der Krise.

[SPOILER ENDE]

Alles könnte anders sein von Harald Welzer

Zum Schluss möchte ich euch noch ein Sachbuch vorstellen, denn dieses verspricht eben diesen Weg aus der Krise. Harald Welzer geht in seinem Buch alle unsere Probleme durch und bietet zumindest Ansatzpunkte für Lösungen. Sein Ausgangspunkt ist der Optimismus, dass eine alternative, bessere Welt möglich ist, und dass wir sie erreichen können – immerhin haben wir als Menschen schon so viel Großartiges erreicht. Alles könnte anders sein habe ich noch nicht durchgelesen, deshalb möchte ich euch im Folgenden nur ein paar Stellen vorstellen, die euch vielleicht zum Nachdenken und Recherchieren anregen werden:

[ACHTUNG SPOILER]

„Das Problem ist, alles was die unglaublichen zivilisatorischen Fortschritte möglich gemacht hat, […] basiert auf der Vorstellung, dass die Naturressourcen, aus denen wir Autos, Häuser, Nahrungsmittel, Smartphones, Kleider, Alexanderplätze und Raketen machen, unbegrenzt vorhanden sind.“ (S. 24)

„Zukunft soll sein wie jetzt, nur mehr und kontrollierter. Oder schlimmer noch: „Zukunft ist das, was nicht passieren darf.““ (S. 43)

„Und deshalb ist [die] Geschäftsgrundlage [der Wachstumswirtschaft] die Produktion von Unglücklichsein.“ (S. 61)

„Doch bis heute ist es nicht gelungen, der Ästhetik des Konsums eine andere, attraktivere entgegenzusetzen. Zum Beispiel eine Ästhetik des zwanglos Gemeinsamen, des guten Zusammenlebens, einer sozialen Welt, die sich so angenehm anfühlt, dass nicht unablässig emotionale Defizite mit Konsum kompensiert werden müssen.“ (S. 96)

„weil die reichen Länder sich in Überflussgesellschaften verwandelt haben, die auf ihre Weise nicht den Bedürfnissen gerecht werden, die Menschen für sich selbst formulieren würden – wenn sie denn die Chance dazu bekämen. Man kann in solchen Gesellschaften abbauen, um die Lebensqualität zu erhöhen.“ (S. 101)

[SPOILER ENDE]

Was denkt ihr zu diesen Themen? Lest ihr Bücher über Wirtschaft, egal ob Romane oder Sachbücher? Gerne könnt ihr Gedanken, Anregungen und Tipps in den Kommentaren dalassen!

 

 

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